Spiekeroog Pfingsten 2012

Zwei Stunden nach Hochwasser paddeln wir entlang des Leitdammes von Neuharlingersiel nach Spiekeroog. Der Wind bläst seit Tagen mit vier bis fünf Beaufort aus östlichen bis nordöstlichen Richtungen. Morgens hatte er etwas abgenommen, um nun am späten Nachmittag des Freitag vor Pfingsten auf Vier aufzufrischen. Keine einfachen, aber gut zu beherrschende Bedingungen, für diejenigen, die sich heute zum ersten Mal auf die Nordsee begeben. Wir paddeln mit dem Tidenstrom gegen den Wind. Die luvgierigen Kajaks legen die Nasen in den Wind und so können sich Paddlerin und Paddler auf den Grundschlag vorwärts konzentrieren:

Die Boote fahren mehr oder weniger von alleine geradeaus. Zwar platschen die etwas breiter gebauten Kajaks hinter den sich aufsteilenden Wellen ab und an ins Wasser. Aber die mitlaufende Strömung führt zu einer gute Reisegeschwindigkeit. Bald schon erreichen wir den Janssand, den wir nach der Drei-Stunden-Regel jetzt noch passieren dürfen. Seine östliche Grenze zum Fahrwasser erkennen wir am Kabbelwasser. Wir fahren hindurch, trainieren das Bootsgefühl. Nördlich des Sandes queren wir das Fahrwasser, passieren zügig den im Südwesten von Spiekeroog gelegenen Messturm und erreichen nach gut achtzig Minuten die Insel.     

Wir sind zu acht, sechs Erwachsene und zwei Kinder. Linn und Paula hatten sich schon im vergangenen Sommer in der Wismarer Bucht als paddelstark erwiesen. Jetzt wollen wir Pfingsten und an der Nordsee zu verbringen. Das Revier um Spiekeroog eignet sich gut für den Nordseeeinstieg. Die Überfahrt ist kurz und je nach Wind, Welle, Wetter und Strom bietet Spiekeroog viele verschiedene Paddelmöglichkeiten: Brandungspaddeln, Inselhopping, Spiekeroog-Umrundung. Für Samstag sind zwei bis drei Windstärken aus Nordost vorhergesagt. Bei Niedrigwasser gegen 10:00 Uhr sitzen wir in den Booten. Wir wollen mit dem auflaufenden Wasser seeseitig an Spiekeroog entlang paddeln und dabei sehen, wie weit wir kommen. Nach der kabbeligen Überfahrt von gestern wird uns das keine großen Schwierigkeiten bereiten, zumal wir jederzeit an Land gehen können. Die Robbenplate an der Nordwestspitze der Insel ragt jetzt bis zu zwei Meter aus dem Wasser heraus. Der Sand, längst mit der Insel verbunden, wächst von Jahr zu Jahr. Allzu lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis er auch bei Flut trocken bleibt. Auch sehen wir bald das Norderriff. Es liegt tiefer als die Robbenplate und ist beim niedrigsten Gezeitenwasserstand, der lowest astronomical tide (LAT, sie bezeichnet heute auch das Seekartennull), nur einen knappen Meter hoch. Jetzt steht hier eine schwache Brandung. Die Robbenplate beschreibt fast einen Viertelkreis. Je mehr wir auf Ostkurs kommen, umso mehr nimmt auch die Brandung zu. Nicht allzu stark bietet sie den Anfängern beste Übungsbedingungen für die flache Stütze. Nach einer kurzen Einführung durch Silke setzen Linn und Paula die Technik schnell um. Wir haben unseren Spaß, auch wenn zum Schluss die ein oder andere Kenterung nicht ausbleibt.

   

Unmittelbar an der Grenze zur Zone 1 machen wir Pause. Kurz vor Hochwasser gehts zurück zum Campingplatz. Es sind immer noch drei bis vier Windstärken, jetzt aber von hinten. Auch ist die Paddelwelt ist eine andere. Wir fahren dicht an Strandkörben vorbei, die auf der Hintour nur als kleine Punkte auszumachen waren. Wir wollen den Weg zum Zeltplatz über die Robbenplate abzukürzen, aber das geht nicht. Selbst jetzt zur Hochwasserzeit liegt sie teilweise trocken, was auf den tagelangen Ostwind und die nahende Nippzeit zurückzuführen ist. Wir fahren den Brandungssaum entlang. Paula sitzt sicher im Boot, stützt unverdrossen in die schwach brechenden Wellen, ist aber offensichtlich auch froh, als ich ihr sage, dass wir es in gut 150 Metern geschafft haben und dann mit einem südlichen Kurs ins Gatt fahren. Als wir wieder in ruhigeren Gewässern sind, schnauft es laut hinter uns. Wir halten Ausschau, sehen aber nichts. Es wird wohl ein Seehund gewesen sein.

 

Am nächsten Morgen ist das Interesse an einer Spiekeroog-Umrundung verhalten. Die äußeren Bedingungen sind zwar sehr gut, aber irgendein Virus hat einen Teil des Teams erfasst. Susanne, Kai und ich machen uns langsam paddelfertig. Linn ist hin und her gerissen. Eigentlich muss noch der Biberpelz von Gerhardt Hauptmann für die Schule gelesen werden, aber was ist dieses verstaubte Stück deutscher Hochliteratur – wenn auch über weite Strecken in unlesbarem Berlinerisch gehalten – gegen eine Spiekeroog-Umrundung, aber eigentlich … . Der Durchbruch ist geschafft, als ich vorschlage, dass wir uns das Drama um Frau Wolff und den Amtsvorsteher von Wehrhahn in verteilten Rollen auf der sechsstündigen Rückfahrt nach Berlin vorlesen.

So sitzen wir um 11:00 Uhr in den Booten und machen uns auf, Spiekeroog im Uhrzeigersinn zu umrunden. Es ist weniger Wind als tags zuvor und wir gehen es langsam an. Die kleinen Brandungszonen umfahren wir. Wir haben immerhin gut 30 Kilometer vor uns und für Linn wird es die bislang längste Tour ihrer Paddelkarriere. Da sollen die Kräfte am Anfang geschont werden.

Das auflaufende Wasser schiebt uns schön am Strand vorbei und nach gut zweieinhalb Stunden haben wir die Ostspitze von Spiekeroog erreicht. Wir legen auf der Nordseite der Insel etwa in Höhe der Ostbake an und laufen ein paar hundert Meter Richtung Gatt. Nur wenige Strandwanderer haben den Weg bis hierhin auf sich genommen. Eine spannende Gegend: Am Horizont sehen wir ein Containerschiff nach dem anderen. Ich meine, dass es mehr sind, als noch vor sechs Jahren und es werden sicher noch viel mehr werden, wenn Ende des Jahres der JadeWeserPort bei Wilhelmshaven fertig wird. Nur scheinbar einen Steinwurf entfernt  – tatsächlich sind es gut 3 km – liegt mit Neuem Leuchtturm und Westturm Wangerooge, die Nachbarinsel von Spiekeroog. Und mitten im Gatt die Buhne H mit dem eindrucksvollen Westkardinal. Ohnehin kann man hier haufenweise Tonnen begucken, weil auf recht engem Raum drei Fahrwasser zusammenlaufen: Das Hauptfahrwasser der Harle, von dem das der Alten Harle und etwas weiter im Süden das der Otzumer Balje nach Westen abgehen. Der spannendste Fund aber ist eine riesige tote Krabbe. Das Tier ist noch recht gut erhalten, sein Panzer misst gut 25 cm, die Scheren sind beeindruckend. Wir machen Fotos vom Krabbenleichnam, die ich später an die Nationalparkverwaltung schicke. Ich bin ja an der Küste aufgewachsen und in Kindheit und Jugend viel auf den Inseln gewesen. Das habe ich am Nordseestrand aber noch nicht gesehen. Die Nationalparkverwaltung meldet sich prompt: Es handelt sich um den Taschenkrebs (Cancer pagarus). Diese Krebse leben normalerweise im ständig vom Wasser bedeckten Bereich unterhalb der Niedrigwasserlinie auf feste Strukturen. Bei den Inseln im Nationalpark sind das normaleweise die in das Wasser hinausreichenden Buhnen. Unser Cancer pagarus wird wohl ein Opfer des Ostwindes sein, der ihn von den gemütlichen Wangerooger Buhnen auf den Spiekerooger Sand getrieben hat.

Nach zwei Stunden Pause geht es durch das Wattfahrwasser der Alten Harle entlang des Tonnenstrichs. Motor- und Segelboote, die den Wattrücken jetzt um die Hochwasserzeit passiert haben, kommen uns entgegen. Von der Tonne AH 4 aus sehen wir schon die ersten Pricken, die uns nun gut fünf Kilometer den Weg durchs Watt weisen werden. Es ist der eher kontemplative Teil der Strecke. Man könnte auch davon sprechen, dass es langweilig ist. Zur Abwechslung und Übung navigieren wir ein wenig vor uns hin bestimmen anhand des Windrades auf Spiekeroog unsere Position im Wattfahrwasser. Irgendwann liegt eine Pricke wie gefällt im Wasser. Ein offenkundiger Fall von Wattbiberfrass, wie Linn trocken bemerkt. Ja so ist er, der ostfriesische Wattbiber, der gemeinhin seine Höhlen und Nester in Buhnen und unter Duckdalben baut und immer wieder die mühevolle Arbeit des niedersächsischen Wasser- und Schifffahrtsamtes schnöde zunichte macht. Doch irgendwann hat jeder Prickenweg sein Ende und wir erreichen die Tonne OB 28. Wir paddeln bis zur OB 24, um dann mit  270 Grad in Richtung Fahrwasser nach Spiekeroog zu fahren, ohne ins Robbenschutzgebiet zu geraten. Der achterliche Wind hat noch einmal aufgefrischt und die Wellen dürften mittlerweile 25 bis 30 cm hoch sein. Linn macht das Ganze nichts mehr aus. Sie sitzt sicher im Boot, weiß genau, wo wir sind und gemeinsam suchen wir den Horizont nach Tonnen ab, wobei sie den schärferen Blick hat. Gegen 18:00 Uhr erreichen wir den Weststrand, wo Hella und Jens ihre Tochter sichtlich stolz wieder in Empfang nehmen.

Am Montag geht es mit dem auflaufenden Wasser gegen 12:00 Uhr zurück nach Neuharlingersiel. Bald sitzen wir im Auto nach Berlin und dann beginnt das Drama um Frau Wolff und den Amtsvorsteher von Wehrhahn. Aber das ist eine andere Geschichte.

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