April 2012: Paddelworkshop bei Birgit Fischer

Der Grundschlag vorwärts. Kein anderer Schlag weist eine größere Variationsbreite bei den Paddlerinnen und Paddlern dieser Welt auf. Bevorzugt der ambitionierte Tourenpaddler mit einer Jahresleistung von mindestens 3000 km einen tiefer gelegten Schlag, der ihn im Zweifel auch noch unter einer Türschwelle sicher hindurch führt, wählen andere Kanuten gerne eine Variante, bei der das Paddel in der Eintauchphase einen rechten Winkel von mindestens 90 Grad zur Wasseroberfläche aufweist. Koste es, was es wolle. Auch der Bewegungsablauf zeugt von der Vielfalt des Paddellebens und reicht vom bewährten Knethaken bis hin zur oberkörperrotierenden Fortbewegung, der gegenüber sich ein Wankelmotor als allenfalls zum Betrieb eines Matchboxautos geeignet ausmacht. Und irgendwo dazwischen liegt der ideale Grundschlag vorwärts, der in optimaler Weise die Körperkraft des Paddlers für den Vortrieb des Kajaks ausnutzt.

Nur wenige Menschen sind diesem Stein der Paddelweisen so nahe gekommen wie Birgit Fischer. Um von ihr zu lernen fuhren wir, acht Männer des TKV Berlin und anderer Vereine, nach Bollmannsruh und absolvierten einen halbtägigen Paddelworkshop.

Wir hatten nicht den besten Start. Ein wenig lag das sicher an den TKV-Frauen, die Tags zuvor den Kurs besucht hatten. Sie hatten, so darf man sagen, die Preise verdorben und die Messlatte sehr hoch gelegt, die Birgit Fischer anfangs an unsere Fähigkeiten und Kenntnisse gestellt hatte. Auch wenn Birgit Fischer von Natur aus nicht zu euphorischen Freudenausbrüchen neigt, war ihr eine gewisse Enttäuschung anzumerken, als wir einer nach dem anderen auf dem Paddelergometer unser Können vorführten. Wie man sich diese Prozedur vorstellen muss, habe ich vor einigen Jahren an anderer Stelle beschrieben. Mir ist diesmal eines klarer geworden: Ein guter Grundschlag ist ein Kompromiss. Einerseits geht es darum, das Arbeitsblatt weit vorne einzutauchen und während der Hauptzugphase eng am Boot zu führen – tatsächlich steht natürlich das Paddel im Wasser und das Boot wird an diesem vorbeigezogen. Andererseits soll die Bewegungsenergie hauptsächlich aus der Oberkörperrotation gewonnen werden, was in der Tendenz dazu führt, dass sich das Paddelblatt vom Boot wegbewegt. Das gilt insbesondere dann, wenn man sich fälschlicher Weise angewöhnt hat, den Zugarm bis zur Aushubpahse gestreckt zu halten. Für mich habe ich diesen Widerspruch so gelöst, dass ich das Blatt entlang der Bugwelle des Bootes führe und ihn mit Beginn der Aushubphase den Zugarm ein wenig (!) einknicke. Damit komme ich auf langen Strecken gut klar. Dieses Mal hatte ich einen echten Aha-Effekt im Hinblick auf die Haltung der Druckhand während der Umsetzphase. Sie bleibt bis zum Beginn der Eintauchphase in Augenhöhe fixiert und wandert nicht nach unten.

Als es auf den Beetzsee geht und der praktische Teil des Workshops beginnt, ist allen wohler. Birgit Fischer paddelt mit jedem Teilnehmer einige hundert Meter, korrigiert, gibt Hinweise und lässt ab und an verhaltenes Lob durchscheinen. Bald setzt der Lerneffekt ein und wir bekommen wir eine Idee davon, wie guter Grundschlag aussehen könnte.

Nach 90 Minuten gehen wir wieder an Land, aber der Workshop ist noch nicht zu Ende. Es folgt eine Einweisung in den Kraftsport für Paddler. Ausgerichtet sind die Übungen darauf, nach der Eintauchphase einen kraftvollen Impuls zu setzen, das Wasser mit dem Paddel zu greifen, wie Birgit Fischer es nennt. Eine Übung hat es dabei besonders in sich: Wir liegen bäuchlings auf einem Brett in einem Meter Höhe, die Arme baumeln herunter, unter uns eine Hantel von gut 40 Kilogramm, die es gilt, kraftvoll hochzureißen. Rennkanuten schaffen das bis zu siebzig mal nacheinander. Mir gelingt es vielleicht gerade sieben mal.

Der Tag hat sich gelohnt. Wer mit der Erwartung zu Birgit Fischer fährt, sich ein großes Lob für die eigene Technik von ihr abzuholen, könnte enttäuscht werden. Stattdessen gibt es haufenweise Hinweise und Anregungen, was zu tun ist, um dem optimalen Schlag näher zu kommen und wie man Technik, Kraft und Ausdauer verbessern kann. Das Echo unter den Teilnehmern war somit auch durchweg positiv. Birgit Fischer gibt ihren Teilnehmern einen Werkzeugkasten für die Suche nach einem guten Grundschlag an die Hand. Finden muss ihn jeder selbst.

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