Von der Rolle

Schon wieder gekentert. Wasser dringt ein in Ohr und Nase. Ich bin ohne Orientierung, weiß nicht wo oben und unten ist. Wasserwirbel um mich herum. Ich drohe aus dem Boot zu fallen, aber irgendetwas hält mich fest. Wie wild fuchtele ich mit dem Paddel herum. Ich habe Angst mir den Kopf zu stoßen. Dann merke ich, wie mich jemand hoch zieht. Ich habe keine Kraft, meinen Helfer zu unterstützen, hänge an ihm wie ein nasser Sack. Eine gefühlte Ewigkeit später bekomme ich den Kopf endlich wieder über die Wasseroberfläche. Ich japse nach Luft. Ja, ich lebe noch, wie der Blick auf die Uhr des Hallenbades zeigt.

„Das war nicht so gut.“, meint Tony Ford, der im Kinderbecken seit Stunden versucht, mir den Bewegungsablauf der „Bauernrolle“ beizubringen. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Niemals werde ich mich und mein Boot nach einer Kenterung aus eigener Kraft wieder aufrichten. Da war ich mir sicher, damals im Frühjahr 2005.

Sechs Jahre später: Vor der Küste von Anglesey surfen wir in zugegebenermaßen recht schmächtigen tide races die Wellen ab. Ich kentere, rolle sofort wieder auf und paddele weiter. Silke schaut mich erstaunt an. „Wieso bist Du da denn gekentert?“

Irgendwann an diesem Wochenende bei Tony im Harz hatte es funktioniert. Nach unzähligen erfolglosen Versuchen im Kinderbecken hatte ich mich trotzig ins Schwimmerbecken begeben. Wie ich hochgekommen war, war mir völlig unklar, wahrscheinlich reiner Zufall. Meine nachfolgenden Versuche scheiterten selbstverständlich. Aber einmal hatte es funktioniert und so musste es ja irgendwie gehen. Es folgten drei Jahre des Experimentierens.

Die Ausgangssituation

Ich gehöre zu den Menschen, die kein gutes Körpergefühl haben. Mit komplexen Bewegungsabläufen hatte ich immer Schwierigkeiten. Im Schulsport wurde uns im Winter allenfalls die Schrittfolge beim Basketball erklärt. Im Sommer haben wir uns  beim Bolzen auf dem Schotterplatz die Knie aufgeschürft. Kugel und Speer blieben im Geräteraum. Unsere Lehrer wussten auch nicht so recht, wie man sie bediente und hatten wohl Angst, dass sie uns die Füße fallen könnten oder wir uns gegenseitig damit aufspießten. So drückte man uns bei den Bundesjugendspielen den Schlagball in die Hand. Das können Friesenjungs im Land der Klootschießer auch ohne Training. Für die Rolle waren das nicht gerade die besten Voraussetzungen, gilt es doch, eine Vielzahl von verschiedenen Bewegungselementen in einen sinnvollen und  ganzheitlichen Ablauf zu integrieren. Ein anderes Problem kam hinzu: Mein antiquierter Schulsport hat dazu beigetragen, dass ich nie gelernt hatte, mit einem Lehrer Bewegungsabläufe zu lernen. Tony mühte sich redlich. Doch je mehr er versuchte, mir etwas zu erklären, umso mehr machte ich dicht. Es nutzte alles nichts: Ich würde mich allein an das Thema Rolle heranmachen müssen.

Trial and Error

Das Wochenende im Harzer Schwimmbad hatten immerhin dazu geführt, dass ich mich einigermaßen unter Wasser orientieren konnte. Ich wusste meistens, wo vorne und hinten ist. Auch hatte ich mitbekommen, dass man das Arbeitsblatt des Paddels irgendwie vom Boot wegbekommen muss, will man auch nur den Hauch einer Chance haben, jedenfalls für eine halbe Sekunde über der Wasseroberfläche nach Luft zu schnappen. So gewappnet fuhr ich mit Neohaube und Trockenanzug auf den Tegeler See hinaus. Am Strand richtete ich mir mein Basislager ein: Zehn kleine Zweige. Daneben zog ich einen Strich in den Sand. Oberhalb der Linie sollte ein Zweig für einen erfolgreichen Versuch stehen, unterhalb für einen Misserfolg. Nach einer halben Stunde lagen alle zehn Zweige unterhalb des Strichs. Aber zwei oder dreimal hätte es fast geklappt. Die folgende Nacht war die Hölle. Ich hatte vergessen, mir bei meiner Überei eine Nasenklammer aufzusetzen. Das algige Havelwasser hatte so alle Zeit der Welt, meine Schleimhäute zu umspülen und sich an die Wände von Stirn- und Nasenhöhlen zu heften und führte dort zu heftigen Schwellungen, die kein Nasivin wegbekommt.

Erste „Erfolge“

Der Rollengott meinte es gut mit mir. Meine Hände zitterten, als ich den ersten Zweig oberhalb der Linie platzierte. Verstohlen schaute ich mich um. Hatte mich vielleicht jemand gesehen. Natürlich nicht. Es goss in Strömen. Allenfalls die Kameraden von der gegenüberlegten DLRG-Station schienen beruhigt zu sein, dass sie bei diesem Sauwetter keinen Einsatz fahren mussten und wandten sich ab, als sie mich außer Lebensgefahr wähnten. Ich feilte an meiner Technik. Bald lag ein weiterer Zweig oberhalb der Linie. Der zehnte und letzte Versuch an diesem Tag: Ich platsche ins Wasser, mit aller Kraft ziehe ich das Paddel vom Boot weg, mein Körper erhebt sich aus der Havel, mein Kopf strebt dem bewölkten Himmel entgegen, gleich werde ich aufrecht in meinem Boot sitzen und erhobenen Hauptes ins Bootshaus fahren! Dann falle ich ins Wasser. Den zehnte Zweig breche ich durch. Eine Hälfte für oben, eine für unten.

Hartes Training

Bald lagen mindestens vier Zweige oberhalb der Linie, wenn ich zurück ins Bootshaus fuhr. Die Rolle klappt am Anfang nicht immer. Das kann man überall nachlesen. Ich war also auf einem guten Weg. Mühsam. Aber letztlich erfolgreich. Und auch das Reißen in der Schulter würde mit stetigem Training weniger werden. Dann ging auf die Nordsee. Eine hervorragende Möglichkeit, das frisch Erlernte auszuprobieren. Einige aus meiner Sicht recht gelungene Versuche wurden von Silke mit den Worten „Gewürge“ abgetan. Ich bemerkte, dass es in diesem frühen Stadium nicht auf Feinheiten ankomme. Meine Erfolgsquote steigerte sich von 40% auf gefühlte 70%. Weit schien der Weg zur „bomb prof roll“ nicht mehr zu sein. Wo immer ich es für verantwortbar und meinem weiteren Lernerfolg zuträglich hielt, stürzte ich mich ins Wasser. Den Paralleleinstieg beherrschen Silke und ich seit dieser Zeit im Schlaf.

Nichts geht mehr

Auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte. Meine Rolle stagnierte, schlimmer noch, sie wurde von Woche zu Woche schlechter. Das Desaster zeichnete sich bei unserer Rügenumrundung am Strand von Göhren ab. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich zehn Prozent allenfalls noch mit einem durchgebrochenen Zweig erreicht. Silke gab mir einige Hinweise. Langsam dämmerte mir, dass ich in den letzen Monaten etwas geübt hatte, was für einen außen stehenden Laien wie mich so ähnlich aussah wie eine Rolle, aber im Grunde nur das kraftvolle Hochwürgen eines 45 Jahre alten Männerkörpers war. Ich schob diesen Gedanken zur Seite und tröstete mich mit der schlechten Tagesform. Zwei Tage später kamen wir im Hafen von Alte Fähr an. Die Abschlussrolle: Ich kam hoch. Alles war wieder gut. Eine Woche später fuhren wir nach Holland. Abends am Strand die gleiche Situation wie in Göhren. Noch heute erzählen die Seehunde ihren Enkelkindern von diesem neobeköpften Deutschen, der schnappatmend versucht sein Boot aufzurichten, aber es nicht einmal schafft, sein Paddelblatt auf die Wasseroberfläche zu bringen, dessen Hüften in Beton eingegossen sind und dessen Neokappe scheinbar so teuer war, dass sie als erstes aus dem Wasser raus muss. Und die jungen Robben heulen vor Lachen und ihr Flossenklopfen hört man noch in den Dünen von Schiermonnikoog.

Zurück auf Start

Nach dem Desaster in Holland war klar: Ich musste noch einmal ganz von vorne anfangen. Auf der Homepage des Norwegischen Kanubundes fand ich sehr gute Videos, die ich mir intensiv angeschaut habe. Mein Problem, besser meine Probleme wurden mir schnell klar: Kopf, Arm, Hand. Das Hauptproblem für viele Menschen ist die falschen Kopfhaltung. Schon entwicklungsbiologisch neigen wir dazu, den Kopf so schnell wie möglich aus dem vermeintlichen Gefahrenbereich, dem Wasser, herauszubringen. Das ist ein Reflex, den wir uns bewusst machen müssen, um ihn dann abzutrainieren und den Kopf zuletzt aus dem Wasser zu ziehen. Das nächste Problem ist die richtige Haltung des Konterarms (also im Gegensatz zum Arbeitsarm, der das Paddel zieht). Während der langgestreckte Arbeitsarm das Paddelblatt über die Wasseroberfläche zieht und so einen Bogenschlag beschreibt, bewegt sich der Oberarm des Konterarms an den Oberkörper des Paddlers. Nur so ist es möglich, ein Absinken des Paddels zu verhindern. Vor allem verhindert man so aber eine Schulterzerrung. Wem es gelingt, den Kopf zum Schluss aus dem Wasser zu nehmen und den Konterarm dicht am Oberkörper zu führen, der hat schon die wesentlichen Elemente für eine erfolgreiche Basisrolle zusammen. Jetzt kommt noch die Hand, besser das Handgelenk des Arbeitsarms hinzu. Um mit dem Arbeitsblatt einen möglichst guten Widerstands an der Wasseroberfläche aufzubauen, muss das Blatt ein wenig aufgestellt werden, damit es nicht unterschneidet. Denn ein unterschnittenes Paddel gründelt sinkt ab. Um dies zu vermeiden wird das Handgelenk des Arbeitsarms nach unten abgeknickt. Damit stellt man das Paddelblatt automatisch richtig auf, wobei ein  Aufstellwinkel von 10 Grad zur Wasseroberfläche in Zugrichtung ausreicht. Um Kopf- und Armhaltung zu koordinieren, zieht man den Konterarm bewusst an den Oberkörper und verfolgt bei der Aufrollbewegung das Arbeitsblatt mit dem Augen.

Neue Versuche

Die Sonne schien und ich ließ mich kentern. Unter Wasser zog ich den Konterarm an den Oberkörper und meine Augen suchten das Arbeitsblatt. Es war ja nicht das erste Mal, dass die Rolle klappte, aber zum ersten Mal ging es fast von alleine. Durch den Blick auf das  im Bogen wandernde Paddelblatt bewegt sich der Kopf automatisch auf die Schulter des Arbeitsarms. Das war der entscheidende Punkt. Ich probierte es noch einige weitere Male. Manchmal klappte, manchmal versagte ich schon im Ansatz. Dies lag nicht immer an einer falschen Kopfhaltung. Ein ums andere Mal vergaß ich, den Konterarm an den Körper zu bewegen. Warum ist dieses Detail für eine erfolgreiche Rolle wichtig? Bei der Bogenschlagrolle geht es darum, das Arbeitsblatt möglichst lange entlang der Wasseroberfläche zu führen. Dafür ist es hilfreich, wenn das Paddel zu Beginn des Bogenschlags möglichst waagerecht zur Wasseroberfläche liegt. Befindet sich der Konterarm indes nicht dicht am Oberkörper, sondern ist er mehr oder minder weit abgestreckt, ragt das Konterblatt bereits vor Beginn der Bogenschlagbewegung weiter aus dem Wasser heraus, als das Arbeitsblatt. Das Paddel liegt nicht parallel zur Wasseroberfläche. Wird jetzt mit der  Bogenschlagbewegung angesetzt, wird das Paddel automatisch abtauchen und es wird kein Druck auf der Wasseroberfläche aufgebaut. So gibt es auch  keinen Fixpunkt, an dem der Körper aus dem Wasser gezogen werden kann. Aber auch dann, wenn ich den Konterarm schön an den Oberkörper gezogen hatte, scheiterte das Hochrollen immer mal wieder, trotz sehnsüchtiger Blicke zum Arbeitsblatt. Dieser Mangel ist meist auf ein Unterschneiden des Arbeitsblatts zurückzuführen, was an einer fehlerhaften Haltung der Hand des Arbeitsarms liegt. Durch ein bewusstes Abknicken der Hand stellt sich das Arbeitsblatt so gegen die Wasseroberfläche auf, dass es nicht unterschneiden kann. Dies war ein wichtiger Hinweis, den ich von Tony erhalten hatte. Kopf, Arm, Hand: Auf diesen drei Faktoren lag nun mein Augenmerk. Die Lernkurve stieg stetig an und nach wenigen Wochen hatte ich auf meiner starken Seite nur noch selten ein Problem, ohne großen Kraftaufwand wieder hoch zu rollen.

Die andere Seite

Natürlich ging es nun darum, die Rolle auch auf der anderen Seite auszuprobieren. Bald schon merkte ich, dass dies eine andere Welt ist. Lange habe ich gebraucht, die Bewegung von der einen auf die andere Seite zu übertragen. Die Güte beider Schläge ist immer noch verschieden und es ist bis heute ein vollständig anderes Rollengefühl, ob es rechts oder links rum hoch geht. Aber mein Lernprozess profitierte davon, dass ich auch nach einem Fehlschlag auf der schwachen Seite sofort auf der starken Seite wieder aufrollen konnte und so das anstrengende Aussteigen und Lenzen des Bootes entfiel. Überhaupt: Re-entry-and-roll, flache und hohe Stützen, low and high brace turns konnte ich im Vertrauen auf die recht sichere Rolle auf der starken Seite ausprobieren. In kurzer Zeit hat so mein Paddelschlagspektrum erweitert. Das Wichtigste aber war: Ich saß jetzt noch sicherer im Boot, ein unschätzbarer Gewinn beim Seekajakfahren.

Laborbedingungen und echte Kenterungen

Meistens „kentert“ man bewusst, unter Laborbedingungen gewissermaßen. Ob es im Ernstfall klappen würde weiß ich nicht. In Anglesey bin ich zwar ungewollt gekentert. Aber insgesamt handelte es sich um eine Trainingssituation und ich war überdies aufgrund diverser Übungsrollen an die Wassertemperatur und den Seegang gewöhnt. Auch wenn ohne Technik alles nichts ist, ist die Technik nicht alles. Zu einer Kenterung kommt es meist dann, wenn wir überfordert sind, zum Beispiel weil die Bedingungen für uns zu schwer, wir müde oder unterkühlt sind. Ich habe es ein- oder zweimal erlebt, dass ich nach einer Kenterung in einer solchen Situation schon kaum die psychische Kraft hatte, aufzurollen. Unter Wasser machte sich Fatalismus breit und ich fragte mich, warum ich hochrollen sollte. Ich würde ohnehin gleich wieder ins Wasser fallen. Einen solchen Fatalismus abzutrainieren, wird man als Freizeitsportler sicher nicht schaffen. Das heißt aber auch: Wer die Rolle unter Laborbedingungen gut beherrscht, hat etwas auf der Habenseite. Zu sicher fühlen sollte er sich nicht. Ein vorausschauendes Risikomanagement ersetzt die Rolle mit Sicherheit nicht.

4 Gedanken zu „Von der Rolle

  1. Lieber Gero, danke für die tolle Beschreibung der „Knackpunkte“ – das nährt die Erinnerung aus den Hallenbad-Übungen und motiviert mich, fleißig weiterzuüben. Komischerweise rollt auch mein neues Boot nicht von alleine 😉

  2. Hej hej Gero,
    nun weiß ich also, an welchem Vorbild du dich orientiert hast, als du letztes Jahr mit Engelsgeduld neben mir im Kinderbecken stands und mich ein ums andere Mal wieder hochgezogen hast. Denn es wollte mir einfach nicht gelingen, diese besagten drei Bewegungen gezielt zu koordinieren.
    Aber auch ich bin voller Optimismus, denn es geht voran: Während ich an Pfingsten auf Spiekeroog bei jedem Hüftknick-Versuch noch fast aus meinem Dampfer gerutscht bin, ist es mir vorgestern – allerdings noch unter Laborbedingungen mit Taucherbrille und „freundlicher Bootsnase“ in der Nähe – erstmals und auch gleich mehrfach gelungen, mit meinem Dickschiff zu rollen. Juhuu! 🙂 Das macht Lust auf mehr.
    Liebe Grüße,
    Susanne

  3. Moin Gero, es ist zwar noch nicht nach Mitternacht. Trotzdem will ich mal ein dickes Dankeschön hinterlassen für Deine anregenden Spielereien auf und unter Wasser.
    Deine wilden Geschichten lese ich immer wieder gern 😉 Bis demnächst beim Rollenspiel, schöne Grüße, Erik.

  4. Danke für diesen so nett ungeschönt-offenen und dabei total motivierenden Bericht. Ich freu mich schon auf mein nächstes Hallenbad-Training mit dem Verein und die kommende – meine erste mit eigenem Boot – Saison 😉

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