Rund Hiddensee September 2012

Hiddensee lässt sich nicht nur von Stralsund, sondern auch vom südlich der Insel auf dem Festland gelegenen Barhöft aus umrunden. Eine Zeltmöglichkeit gibt es nach Anmeldung im Hafen. Von hier aus beträgt der Rundkurs 54 km, eine Stecke, die an einem Wochenende zu schaffen ist. Ich hatte die Tour für Mitglieder des Tegeler Kanu Vereins im Frühjahr ausgeschrieben. Sommerausklang am ersten Septemberwochenende.

Seit Beginn der Woche verfolgen wir die Windprognosen, die zwischen West bis Nordwest mit 4 bis 5 bft oszillieren. Das geht in den Grenzbereich dessen, was wir als Gruppe schaffen können. Zwar sind wir alle schon öfter auf der Ostsee gewesen. Aber die erste Tagesetappe nach Schaprode auf Rügen beträgt 36 Kilometer und wenn der Wind an der Seeseite Hiddensees die ganze Zeit ins Gesicht bläst und wir gegen die Wellen paddeln müssen, wird es anstrengend. Am Start bin ich mir noch nicht sicher, ob wir es schaffen werden und deshalb sind zwei Exits vorgesehen: Wenn es nicht mehr geht, können wir auf der Höhe von Neuendorf oder weiter im Norden bei Vitte die Boote auf die Wagen packen, die Insel zu Fuß queren und boddenseitig wieder einsetzen. Im schlimmsten Fall ginge es zurück nach Barhöft. Noch schwieriger könnte der Sonntag werden. Der Wind soll auf 5 bft zunehmen und auf Südwest drehen. Für die zweite Etappe hieße das vier bis fünf Stunden gegen den Wind zu paddeln.

Um neuen Uhr sitzen Hella, Catharina, Silke, Mario, Jens und ich in den Booten. Trotz der Unsicherheit über den weiteren Verlauf freue ich mich, dass die Tour zustande gekommen ist. Von Gegenwind ist zunächst nichts zu spüren. Im Gegenteil: Der Rückenwind von geschätzten 3 bft. schiebt uns am Vierendehlgrund vorbei.

Dort kann man zwei Steinsockel erkennen. Hier standen früher Ober- und Unterfeuer Vierendehlgrund und markierten das Fahrwasser zwischen Bock und Hiddensee. Hierzu heißt in den Nachrichten für die Seefahrt vom 22. Oktober 1910:

„…Gleichzeitig sind die neu errichteten Vierendehlgrund-Richtfeuer in Betrieb genommen worden, die zur Bezeichnung der Einfahrtrichtung durch den Gellenstrom bis zur Biegung zwischen den schwarzen Tonnen 6 und 7 dienen. Beide Feuer liegen mit dem Turm der Marienkirche zu Stralsund in Linie, ihre Entfernung voneinander beträgt 1100 m.“

Doch der Vierendehlgrund verlandete mehr und mehr und mit ihm das Fahrwasser. Wenn man dürfte, könnte man heute auf ihm spazieren gehen, aber er gehört zur Sperrzone des Nationalparks. 1982 wurden die Feuer wie es so schön heißt „gelöscht“. Das Oberfeuer wurde 2000 abgerissen. Das Unterfeuer diente den Möwen als Nistplatz und rostete dabei vor sich hin. 2005 wurde es „zurückgebaut“. Mittlerweile steht es restauriert als Museumsstück wieder dort, wo es einst gebaut wurde: In Fürstenwalde (siehe zur Geschichte der Feuer die spannende Seite http://www.baken-net.de/vierendehl-grund.htm, von der auch das Zitat stammt).

Das Fahrwasser macht eine Biegung nach Nordwesten und wir erreichen die Ostsee. Wir haben Glück. Der Wind kommt aus West mit guten 4 bft. Kein Gegenwind, dafür schöne Seitenwellen, die unter den Booten durchlaufen. Wir paddeln ein gutes Stück vom Ufer entfernt entlang des grünen Tonnenstrichs. Es ist eine entspannte Fahrt. Unsere Reisegeschwindigkeit beträgt 5 km/h. Nachdem wir den Leuchtturm Gellen passiert haben, dieser wurde übrigens wie das Unterfeuer Vierendehlgrund von der Firma Julius Pintsch aus Fürstenwalde gebaut, gibt es eine kurze Pause am Strand. Dann geht es an Neuendorf vorbei Richtung Vitte. Hier wie dort bedarf es unserer Exits nicht. Dann kommt der spannendste Teil der Reise: Die Umfahrung der Nordspitze Hiddensees. Wir passieren das Westkardinal bei Kloster und bald nehmen die Wellen erwartungsgemäß zu. Silke fährt weit hinaus, damit wir nicht auf die Steine gedrückt werden. Der Wind kommt weiter aus West und so werden aus Seitenwellen Heckwellen. Einigen von uns gelingt ein schöner Surf. Dabei zieht sich allerdings die Gruppe auseinander, was zu Recht für ein wenig Unmut sorgt. Die zweite Pause machen wir am Enddorn, leider zu dicht direkt am Knie. Besser wäre ich zwanzig bis dreißig Meter weiter nach Süden gefahren. Dort ist der Anladeplatz bei Westwind geschützter. Der weitaus längere aber auch schönere Teil liegt jetzt hinter uns. Als wir nach einer knappen Stunde wieder aufbrechen, kommen wir nur schwer in den Takt. Die Gruppe zieht sich jetzt immer mehr auseinander. Vorbei an Neubessin steuern wir das Fahrwasser zwischen Hiddensee und dem Bug an. Dieses Teilstück habe ich auch bei meinen beiden Teilnahmen am Hiddenseemarathon als besonders anstrengend empfunden. Hier bläst der Wind irgendwie immer von vorne. Hinzu kommt, dass das Fahrwasser konsequent ausgefahren werden muss. Frühestens ab Tonne 11a kann man langsam auf einen Südwestkurs einschwenken und sich in Richtung Schaproder Bodden bewegen. Vorbei an Seehof geht es zum Campingplatz „Am Schaproder Bodden“, den wir gegen 17:30 Uhr erreichen.

Der Campingplatz verfügt über ein kleines Restaurant, in dem es leckeren Bratfisch gibt. Wände und Decke sind mit allerlei altertümlichen Fischfanggerät geschmückt. Beeindruckend: Das „Mahnmal gegen die Gier“. Auf Nord- und Ostsee gleichermaßen wie in den Binnengewässern reichlich vertreten und bei Fischersleuten und Touristen immer wieder gerne gesehen ziert in der Gaststube ein Kormoran das Ambiente. Dieser hier ist ausgestopft und aus seinem weit aufgerissenen Schnabel – man möchte eher von Maul sprechen – schaut die Schwanzflosse eines großen, eines sehr großen Fisches heraus. Darunter das erklärende Schild, wonach dieser wohl noch junge Vogel beim Versuch, den – wie gesagt sehr großen – Fisch herunterzuwürgen erstickt sei und man Vogel und Fisch vereint im Tod 1996 am Strand von Schaprode gefunden habe. Es wird viele Taschentücher gebraucht haben, um die Tränen der örtlichen Fischer ob dieses Schicksals zu trocknen, denkt man an die Jahrhunderte alte innige Beziehung zwischen dem Fisch fangenden Menschen und dem Kormoran.

Am Sonntagmorgen kommt der Wind wie vorhergesagt aus Südwest, allerdings nur mit rund 4 und nicht mit 5 bft. Kurz vor zehn sitzen wir in den Booten und machen uns über den Schaproder in Richtung Kubitzer Bodden auf. Während der rund 18 Kilometer werden wir keine Pause an Land machen. Zwar könnte man bei Ummanz anlanden, aber das liegt noch sehr nahe am Ausgangspunkt. Gut eine Stunde nach dem Start lässt der Wind merklich nach. Schönstes Seekajakwetter. Das macht es erträglich, dass wir sehr bald Barhöft sehen, es aber nicht ansteuern dürfen, weil wir dann den gesperrten Vierendehlgrund queren würden. Also orientieren uns an den Backbordtonnen des Fahrwassers und paddeln bis zur Tonne 62. Von dort geht es mit 230 Grad auf das Fahrwasser Richtung Barhöft. Kurz vor 14:00 Uhr haben wir unseren Ausgangspunkt wieder erreicht.

3 Gedanken zu „Rund Hiddensee September 2012

  1. Hallo Gero!

    Etwa sechs Zeilen unter dem ersten Foto steht:
    „Am Start bin ich mir noch sicher, ob wir es schaffen werden und deshalb zwei Exits vorgesehen“
    Ich vermute, dass Du meintest:
    „Am Start bin ich mir noch unsicher, ob wir es schaffen werden und habe deshalb zwei Exits vorgesehen“

    Erneut eine Tourenbeschreibung, bei der ich das Gefühl hatte, dabei zu sein, Gischt auf meinem Gesicht fühlte und Silke direkt vor mir sehen konnte: irgendwo zwischen wild entschlossen und breit grinsend.

    Beste Grüße aus Potsdam, Frank

  2. Hallo Gero,

    ich sehe immer wieder gerne auf deine „Zirpelspinner“-Seite und habe mit Interesse den neuen Bericht gelesen. Das ist sicher eine schöne Tour gewesen!

    Viel Grüße von Oliver
    (um den du dich „Rund Sylt“ so gut gekümmert hat – nochmals vielen Dank!)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s