Welle, Wind und Wangerooge

Wir haben strahlenden Sonnenschein, als wir am 30. September 2012 eineinhalb Stunden vor Hochwasser von Neuharlingersiel aufbrechen. Die Backbordtonnen der Otzumer Balje sind gut zu erkennen und so nehmen wir über den Neuharlingersieler Nacken direkten Kurs auf das Fahrwasser. Den Leitdamm lassen wir links liegen, denn es geht nicht nach Spiekeroog. Catharina, Mario und ich wollen nach Wangerooge.

Der Wind bläst seit Tagen mit 5 in Böen 6 Bft aus Süd bis Südwest. So wird die Tour für meine beiden Mitpaddler, die das erste Mal auf der Nordsee sind, kein ganz leichtes Unterfangen werden, aber bei der Hiddenseeumrundung einige Wochen zuvor haben sie sich als ausdauernd und zuverlässig erwiesen. Die Fahrt durch das Watt wird heute nicht die Herauforderung sein, aber im Gatt könnte es ruppig werden. Dort werden uns Strömung und Wind Richtung Meer ziehen und schieben. Und dann ist da noch die Buhne H. Sie ist die Mutter aller Buhnen, die ähnlich dem Strahlenkranz der New Yorker Freiheitsstatue die Westspitze von Wangerooge einfassen und dafür sorgen, dass die Insel nicht weiter nach Osten wandert und dann womöglich noch die Zufahrt zum Jade-Weser-Port blockiert. Die Buhne H zieht sich 1,5 Kilometer ins Gatt und bremst den Tidenstrom auf dieser Länge ab. Hat der Wangerooger seine Buhnen aus naheliegenden Gründen im Laufe der Zeit schätzen gelernt, ist sie für den Seekajakfahrer zuvörderst ein fieses Hindernis, das nur auf seine Kumpanin, die hinterhältige Nordseewelle wartet, um ihn an sich zerschellen zu lassen. Respektvoller Abstand und zusätzlich ein Helm auf dem Kopf – das sind die Mittel der Wahl im Umgang mit der gemeinen Seebuhne. Dies vor Augen heißt auch, dass wir uns nicht über das Spiekerooger, sondern über das weiter südlich gelegene Harlesieler Wattfahrwasser Wangerooge nähern werden. Doch zunächst schieben uns ablandiger Wind und die Wellen zum Fahrwasser der Otzumer Balje. Wir sind nicht in Eile und können die Zeit für Navigationsübungen nutzen. Das Sehen auf See muss man üben. Bei mir hat es lange gedauert, bis ich Seezeichen und Landmarken nicht erst kurz vor einer Kollision mit ihnen wahrgenommen habe. Der Durchbruch kam, als ich bei einer Fahrt meine Sonnenbrille vergessen hatte. Notgedrungen hellsichtig geworden wurde der Kontrast zwischen Tonne und Wasseroberfläche stärker, was sich in einigen hundert Metern bessere Sicht niederschlug.

Heute Vormittag ist die Sicht gut und so reiht sich ein markanter Punkt an den anderen. Mit dem Harlesieler Wattfahrwasser erreichen wir Wattbiberland, dieses einzigartige Naturschutzgebiet zwischen Spiekeroog und dem Festland auf der Hohen Bank (https://zirpelspinner.me/2012/06/07/spiekeroog-pfingsten-2012/). Heute sind alle Pricken gerichtet. Den obligatorischen Paralleleinstieg führen wir ohne T-Lenzung durch. Ich glaube mittlerweile, dass es in der Welle und mit beladenen Booten besser ist, den Kenterbruder schnell ins Boot zu holen und dann mit vereinten Kräften im Päckchen zu pumpen. Irgendwann sehen wir wieder Tonnen voraus und auch anhand unserer Position zur Ostbake auf Spiekeroog können wir erkennen, wie wir langsam zwischen die Inseln geraten. Die See wird rauer und vor uns baut sich Brandung auf. Wir kreuzen das Harlefahrwasser zwischen den Tonne H 9 und H20/T2 und nähern uns von Süden her der Insel. Am Weststrand wollen wir nicht landen, da noch kaum Wasser abgelaufen ist und wir fürchten, mit der Steinverblockung zu kollidieren. Wir drehen ab, um in den Hafen zu fahren. Meine Mitpaddler verschwinden immer wieder hinter den Wellen. Dann erwischt es Mario und er kentert. Gespannt warte ich ab: Beherrscht er die Rolle auch unter diesen Bedingungen? Behält er jetzt die Nerven? Mario arbeitet mit dem Grönlandpaddel und der Hangrolle. Diese Technik hat er sich im Sommer auf Silkes Rat hin erarbeitet, weil er mit dem Bogenschlag nicht gut klargekommen ist. Er bringt sein Paddel in einen fast rechten Winkel zum Boot und schiebt sich ruhig und ohne erkennbare Kraftanstrengung aus dem Wasser. Er ist oben und paddelt sofort weiter, um nicht wieder umgeworfen zu werden. Weiter geht es. Catharina sitzt sicher im Boot. Mario kentert erneut. Im Vergleich mit Catharinas sicherer Bootsbeherrschung wird klar, woran es liegt: Mit ihrem Euroblade kann sie in den Wellen besser stützen. Mit dem Grönlandpaddel eine ausreichende Stützwirkung aufzubauen, ist technisch anspruchsvoller. Aber egal, Mario ist sogleich wieder oben und seiner „bombproof roll“ heute schon sehr nahe gekommen. Gegen 14:00 Uhr kommen wir im Hafen an.

Von hier aus geht es einen guten Kilometer mit den Bootswagen zur Jugendherberge. Wir werden erwartet und freundlich empfangen und nehmen im Westturm mit schönem Blick über die Insel Quartier.

Es folgt ein langer Sparziergang entlang der Nordwestspitze und des Weststrandes. Aus Gründen des Küstenschutzes ist die Insel massiv gesichert: Im Nordwesten reiht sich in einem Abstand von jeweils einigen hundert Metern Buhne an Buhne, die bis zu 500 Meter, die Buhne H sogar 1,5 km ins Meer reichen. Der gesamte Westkopf ist bis hinab zur Inselkante asphaltiert. Bei Hochwasser klatschen die Wellen hier auf Asphalt, Buhnen und Beton! Vier Stunden nach Hochwasser tut sich zwischen den Buhnen zwar trocken gefallener Sand auf, aber zwischen den Buhnen gibt es immer wieder Steinaufschüttungen. Südlich der Buhne H zieht sich die Asphaltdecke noch gut 600 m in südöstliche Richtung. Dann schließt sich der Weststrand an. Auch hier ist das Anlanden bei Hochwasser unmöglich, weil vor dem Strand eine rund 70 Zentimeter hohe und zwei Meter breite Steinaufschüttung als Wellenbrecher liegt, die dann überspült wird.

Wir schlendern am Spülsaum entlang. Über uns ziehen Ringelgänse hinweg. Wir beobachten unsere gefiederten Freunde, wie sie sich mit dem Meeresgetier, das das ablaufende Wasser jetzt freigibt, die Bäuche vollschlagen. Silbermöwen fischen im Flug Strandkrabben aus dem Wasser und knacken sie mit ihren Schnäbeln auf. Die Pfuhlschnepfen stolzieren am Spülsaum entlang und stecken ihre langen Schnäbel Beute suchend immer wieder in den Sand. Werden sie fündig, werden Wurm oder Krabbe aus dem Schlick herausgezogen.

Anderswo ist man schon satt. Ein Eidererpel kann sich nicht recht entschließen, ob er weiter angestrengt nachdenken oder doch ins Wasser gehen sollte. Und der Kormoran wundert sich, das er schon satt ist und watschelt, erstaunt ob dieses seltenen Zustands, mit sittsam angelegten Flügeln über den Sand.

Am nächsten Morgen starten wir um 9:30 Uhr – gut zwei Stunden nach Niedrigwasser – an der Buhne V. Unterhalb der Inselbefestigung tut sich dort trocken gefallener Sand auf. Wir nehmen Kurs 240° auf die Tonne H 14. Diese erreichen wir recht schnell und queren das Fahrwasser der Harle. Obwohl der Wind mit gut 5 Bft aus Süden kommt, steht vor der Ostspitze Spiekeroogs Brandung. Da wollen wir hin. Der Weg gegen das auflaufende Wasser ist mühsam. Etwas unterhalb der Tonne H 1 finden wir einen kleinen Tiderace. 200 Meter weiter dann die Brandungswellen. Sie sind gut einen Meter hoch, laufen gefahrlos auf den Strand und sind aufgrund des ablandigen Windes von mäßiger, aber spürbarer Kraft. Beste Bedingungen für Brandungspaddeln.

Catharina sitzt sicher im Boot; sie stützt eine wunderschön brechende Welle schulmäßig ab, wird einige Meter versetzt und fährt wieder heraus. Mario ist aus den Wellen kaum herauszubekommen und mit jedem „Brecher“ wird die Stütze sicherer.

Nach einer kurzen Pause geht es wieder Richtung Wangerooge. Ziel ist der in Höhe des Dorfes gelegene Badestrand. Am Westkardinal der Buhne H paddeln wir in respektvollem Abstand vorbei, dann nehmen wir Kurs 30°, um bloß nicht in die Nähe der Buhnen zu geraten. Erst als wir den Leuchtturm von Wangerooge passiert haben, schwenken wir auf einen Ostkurs.

Die Inselbefestigung zieht sich weit nach Osten hin und hört erst vor dem Ort auf. Am Strand gehen wir an Land. Ich fahre los, alles sieht harmlos aus. Doch dann erwischt mich keine hundert Meter vom Strand eine Welle. Ich kann sie flach stützen, werde versetzt, doch bevor ich mich wieder ganz aufgerichtet habe, schmeißt mich die Schwesterwelle um. Ich kann aufrollen, dann schiebt mich ein Nachzügler die letzten Meter auf den Sand. Eine gelungene Rolle nach einer unfreiwilligen Kenterung ist immer ein schönes Gefühl, und ich bin sehr froh, dass wir Helme tragen, zumal auch hier Buhnen lauern. Zweihundert Meter östlich von meinem Landeplatz ist es etwas ruhiger. Hier wachen die Adleraugen der DLRG-Kameraden über die nicht vorhandenen Badegäste und bald kommen Catharina und Mario, die draußen auf mein Zeichen gewartet haben, der Reihe nach sicher an den Strand.

Nunmehr folgt der kulturelle Teil unserer Tour. Wir klettern auf den mitten im Inseldorf gelegenen alten Leuchtturm. Über hundert Jahre, von 1856 bis 1969, war er in Betrieb. Er hat eine etwas ungewöhnliche Form, die daher rührt, dass der Turm Mitte der zwanziger Jahre um sieben Meter auf 39 m erhöht wurde. Notwendig wurde dies, weil neue Hotels am Strand das Leuchtfeuer in den Schatten stellten. Im Turm befindet sich ein kleines Museum zur Inselhistorie. Spannend ist die Geschichte des alten Westturms. 1602 wurde er nach nur fünfjähriger Bauzeit auf Betreiben Bremer Kaufleute als Landmarke auf dem Weg in die Weser erbaut. Er beherbergte Kirche, zeitweise auch das Gefängnis und diente der Aufbewahrung von Strandgut, ein multifunktionaler Bau also. Seine Mauern waren 25 m hoch, die Höhe bis zur Mittelspitze betrug 58 Meter. Nur zum Vergleich: Der neue Leuchtturm von Wangerooge, ein zweckmäßiger Betonmast gar nicht weit vom Standort des alten Westturms entfernt, ist 65 m hoch. Doch Wangerooge wanderte Richtung Jade und irgendwann stand der alte Weststurm mit dem Fundament in der Nordsee und wurde von der Flut umspült. Heiligabend 1914 wurde er von der Reichswehr gesprengt. Wangerooge war aufgrund seiner Lage „kriegswichtig“ und so galt es, die auffällige Landmarke zu beseitigen. Übrig geblieben ist das Fundament des Turm, das man bei Niedrigwasser als Teil der Buhne B erkennen kann (zur Geschichte des Turms siehe www.inselrundgang.de/info/seezeichen/alter_westturm.php). Der neue Westturm wurde in Anlehnung an den Vorgängerbau in der 1930er Jahren rund 900 Meter südlich errichtet, 1933 eingeweiht und soglich von den Nazis in Beschlag genommen. Um 16:00 Uhr machen wir uns bei ablaufendem Wasser auf den Rückweg. Von Brandung ist jetzt keine Spur mehr. Vor der Buhne E machen kurz halt, um eine Blick auf das Gatt zu werfen. Alles ist ruhig. Wir umfahren das Westkardinal der Buhne H. Die Gegenströmung ist schwach. Wir erreichen unseren Ausgangspunkt. Gegen 18:00 Uhr sind wir wieder an Land.

Anächsten Vormittag sitzen wir um 10:30 Uhr in den Booten. Auf unserem Weg nach Harlesiel kommt der Wind mit 4 bis 5 Bft aus Südwest. Die Helme sind verstaut. Wir lassen uns Zeit. Um 13:00 Uhr sind wir nach insgesamt 45 spannenden Nordseekilometern wieder auf dem Festland.

Deutlich kälter und ungemütlicher war übringens The Silent Tour nach Wangerooge im März 2010.

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