Durchs Eis

Wenn mit Beginn des Winters seitens der Wetterverantwortlichen in Berlin strenger Frost gegeben wird, ist es meist bis zum Frühling mit dem Paddeln vorbei. Die flachen Seen frieren binnen Wochenfrist zu und selbst wenn die Temperaturen wieder über den Nullpunkt klettern, präsentiert sich dem Hauptstädter monatelang statt des Tegeler Sees eine schmierige, löchrige und mit Sylversterknallern und allerhand anderem Unrat übersähte Buckelpiste.

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Frost zu Beginn des diesjährigen Dezembers verhieß damit wieder eine lange Zwangspause. Einige Tage knackiges Zufrieren und dann monatelanges Gedümpel um den Gefrierpunkt – genau das richtige Wetter, um auf eisbeplackten Wanderwegen um die Krumme Lanke oder durch den Grunewald zu rutschen. Doch dann entwickelte sich ein umfangreiches atlantisches Tiefdrucksystem, das kurz vor Weihnachten erst Eisregen und dann Temperaturen von um die 12 Grad zur Mittagszeit mit sich brachte. München verzeichnete den wärmsten Heiligabend seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und für Berlin reichte es immerhin noch, dass zum Fest der Feste die Bürgersteige wieder begehbar wurden, ein Zustand, den die Hauptstadt vom 1. Advent bis zum 31. März aus eigener Kraft sonst nicht bewerkstelligt.

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Der Tegeler See war jedenfalls am 1. Weihnachtsfeiertag eisfrei und so mussten die paar versprengten Eisangler ihre Schnüre von der Greenwichpromenade aus ins Wasser lassen. Plötze statt Omul. Wir indes machten uns zur Havel auf. Schon bei Scharfenberg war Schluss. Weder nördlich noch südlich war eine Passage möglich. Und auch vorbei an Reiswerder gab es kein Durchkommen. Da wir im Ausfahrtenbuch die Kraft des Tauwetters überschätzend „Oberhavel“ als Tagesziel eingegeben hatten, erschien es uns als nicht vertretbar, schon beim ersten Hindernis aufzugeben – und wer sagt denn, dass nicht auch auf dem Tegeler See die Erstbefahrung der Nordostpassage unter Einsatz des Seekajaks als Eisbrecher nachempfunden werden kann.  Die Freunde des gepflegten Unterschiffs und die Besitzer von Wernerpaddeln sollten jetzt besser nicht weiterlesen. Nachahmen lohnt sich auf jedenfalls nicht. Es geht auf Kosten des Materials und im Gegensatz zum Nordpolarmeer kann man die Oberhavel auch mit dem Bootswagen erreichen. Außerdem – und das ist das Wichtigste – steigt die Kentergefahr und damit die Gefahr zu unterkühlen.

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Wer trotzem weiterliest: Abwechselnd schossen Clara und die GrüneGräte ins Eis hinein. Je länger das schrammende Geräusch anhielt, desto effektiver schien das Ganze. Am Anfang, so bis 3 Millimeter Eisdicke, bricht das Boot das Eis regelrecht auf und bahnt sich eine Schneise. Doch rasch wird das Eis dicker und fester.  Dann legt sich das Boot auf die Eisdecke, die unter dem Gewicht zusammenbricht. Gefährlich ist das Ganze aus mehreren Gründen: Anfangs kann man noch mit dem Paddel durch das dünne Eis hindurchstechen oder es ein wenig aufhacken. Beim Wiederherausholen, von einer klassischen Aushubphase mag man hier nicht sprechen, kann sich das Paddelblatt unter der Eisdecke verkanten. Man fängt sich einen Eiskrebs und kentert. Kentergefahr besteht auch, wenn man zurückpaddelt, um wieder neuen Anlauf zu nehmen. Die Schneise wird mit zunehmender Eisdicke immer schmaler und eigentlich hat man keinen Platz um zurückzusetzen. Wenn man dann auch noch Rückenwind hat, wird es nervig. Man fängt an, sich irgendwie mit den Händen abzustützen, hält sich an der Bruchkante fest, verliert dabei das Paddel, wird hektisch, schneidet sich die ohnehin schon klammen Finger auf und was man sich noch alles so vorstellen kann. Genervt von der eigenen Dummheit fängt man sich einen Krebs und kentert. Nachdem wir uns unvernünftiger Weise eine halbe Stunde an der Passage versucht haben, geben wir auf. Vor uns liegt immer noch eine gut dreihundert Meter breite Eisdecke, die uns von der freien Havel trennt. Es ist nicht nur gefährlich, es ist auch sehr anstrengend.

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Am nächsten Tag suchen wir die Stelle wieder auf. Es hat weiter getaut und es hat geregnet. Aber die Durchfahrt ist immer noch nicht frei. Die Eisbarriere ist vielleicht noch einhundert Meter breit. Wir nehmen erneut Anlauf. Das Eis ist sehr mürbe, leistet kaum noch Widerstand. Nach einigen Minuten haben wir es geschafft. Der Weg in Richtung Oberhavel ist frei. Nach gut vier Stunden kommen wir zurück. Das Eis ist fast weg. Nur an den Rändern der Durchfahrt liegen noch einige Schollen. Vielleicht ist das der Beginn eines langen Paddelwinters.

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2 Gedanken zu „Durchs Eis

  1. Meiner Naivität geschuldet dachte ich, dass ich die gestrige eisfreie Fahrt zum „Heiligen See“ dem Wetter zu verdanken hätte – weit gefehlt. Danke Jungs 🙂

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