Der Geist von Lindow

Eines der wichtigsten Sicherheitsfeatures des Seekajakfahrens ist die Rolle, und zwar unter drei Gesichtspunkten: Der erste Aspekt betrifft das Erlernen der Rolle, das eine eingehende Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper (Fitness, Beweglichkeit), den paddlerischen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten und auch mit dem eigenen Boot erfordert. Indem wir uns diesem Lernprozess aktiv stellen, verbessern wir automatisch unser Bootsgefühl und unsere Bootsbeherrschung. Dadurch, dies ist der zweite Aspekt, paddeln wir im Freiwasser sicherer und beugen so dem Eintritt einer kritischen Situation vor. Beim dritten Aspekt geht es um diese selbst, dem Eintritt der Kenterung. Hier ist die sicher beherrschte Rolle allen anderen Rettungstechniken überlegen, verhindert sie doch das Auskühlen des Gekenterten sowie schwierige und gefährliche Rettungsaktionen in widrigen Bedingungen.

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Was den ersten Aspekt betrifft, und nur hierum soll es im folgenden gehen, ist die Nutzung öffentlicher Schwimmbäder unumgänglich. Zwar werden fortgeschrittene Paddlerinnen und Paddler auch jede Gelegenheit im Freiwasser nutzen, um ihre Expertise zu verbessern, so wie es Bernhard Hillejan mit der „Hafenrolle“ nach Abschluss einer Tour immer wieder empfiehlt. Realistisch betrachtet bietet aber nur das Hallenbad Anfängern und Fortgeschrittenen die Möglichkeit, sich diese Technik schrittweise anzueignen oder das bereits Erlernte strukturiert zu vertiefen. Wir wissen, dass es oft sehr schwierig ist, gute Hallenzeiten für das Rollentraining zu bekommen. Die Antworten auf die Nachfrage von Bernhard Hillejan auf der letzten Mitgliederversammlung der SALZWASSER UNION e.V. haben dies deutlich gezeigt (siehe Seekajak 133, Seite 9).

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Vor diesem Hintergrund ist es von großem Wert, dass Seekajakfahrerinnen und -fahrer des Tegeler Kanu Vereins und befreundeter Vereine das Hallenbad des Sport- und Bildungszentrums Lindow (Mark) nutzen können. Während sich das übliche Rollentraining in den allgemeinen Bade- bzw. Vereinsbetrieb einpassen muss und so oft auch ein erheblicher logistischer Aufwand für eine effektive Trainingszeit von 90 Minuten entsteht, zeichnet sich Lindow dadurch aus, das von Freitagabend bis Sonntagmittag vier Hallenzeiten von jeweils 120 bis 180 Minuten zur Verfügung stehen. Das erinnert ein wenig an die guten alten Zeiten in St. Andreasberg, wo viele von uns bei Tony Ford das erste Mal etwas von der Effizienz der Bauernrolle und der Schönheit des Hüftknicks gehört haben. In den vergangenen drei Jahren haben sich, was die Veranstaltungen des  Tegeler Kanu Vereins betrifft, über 40 Berliner Paddlerinnen und Paddler am Rollentraining inmitten der Mark Brandenburg beteiligt. Die Zahl der Paddlerinnen und Paddler des Tegeler Kanu Vereins, die die Rolle seitdem gut bis sehr gut beherrschen, liegt mittlerweile bei über zwanzig, was etwa einem Drittel der aktiven Mitglieder entspricht. Auch die „Rollenkompetenz“ in anderen Vereinen hat erkennbar zugenommen, was insgesamt ein schöner Erfolg für die Berliner Seekajakszene ist.

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Dieser beruht auch auf den guten Bedingungen, die Lindow bietet. Wir treffen jedes Mal auf ein höchst engagiertes Team – in der Küche, an der Rezeption und natürlich in der Halle selbst, wo uns der Hallenmeister Sonderwünsche unkompliziert erfüllt. Die Zusammenarbeit mit dem Lindower Team hat sich mit der Zeit bestens eingespielt und so können wir uns ganz auf unser Training konzentrieren. Das Training hat etwas selbst Organisierendes. Von Trainern zu sprechen ist bereits schwierig und mir behagt es nicht. Kaum einer von uns hat eine „Trainerausbildung“. Ich würde die Funktion eher als „Erfahrungsweitergeber“ bezeichnen. Gerade wer beim Erlernen der Rolle selbst vieles falsch gemacht hat, kann Hinweise geben, was man besser machen kann. So hat alles auch ein wenig den Hauch von trial and error. Natürlich entwickeln sich Standards, insbesondere wenn es am Anfang um das sichere und angstfreie Aussteigen geht. Aber jedes Training hat immer auch den Charakter eines Workshops, wo Erfahrungen weitergegeben werden, wo experimentiert wird und wo eine gegenseitige Befruchtung stattfindet. Gerade an den beiden letzten Terminen haben sich die „Grönländer“ geradezu in einen gegenseitigen Rollenrausch versetzt. Faszinierend – zumal einige von ihnen im letzten Jahr noch massive Performanceprobleme bei Paddelhang und Bogenschlag hatten.

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Lindow ermöglicht es uns auch, in der Halle mit unseren Seekajaks üben zu können. Auch das ist ein großer Vorteil, der den Übergang vom Poloboot zum Seekajak sehr erleichtert. Und natürlich ergibt sich damit auch die Möglichkeit, die eigene Technik am unbekannten Material zu überprüfen. Und selbstverständlich werden die Pausen für Betrachtungen von Folge 325 von „This is the sea“ oder neuen Überlegungen von Dubside zum Aufrichten des Kajaks unter Zuhilfenahme von zwei Zahnstochern unter den Niagarafällen genutzt.

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Und dann geht immer wieder ein Schrei und ein Klatschen durch die Halle. Was das bedeutet, weiß jeder. Übrigens: Die jüngste „Lindowerin“ ist zwölf und seit drei Jahren dabei. Natürlich beherrscht sie die Rolle perfekt – auf beiden Seiten.

Das alles ist der Geist von Lindow.

Ein Gedanke zu „Der Geist von Lindow

  1. Moin Gero,
    vielen Dank für diesen schönen Artikel und vor allem für die vielen Stunden, die Du mich in hüfttiefen Wasser des Lindower Nichtschwimmerbeckens stehend vor dem sicheren Ertrinkungstod gerettet, motiviert und Deine Erfahrungen weitergegeben hast!
    Rock ‚N‘ Roll!

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