BCU 4 Star Training auf Anglesey

Der nachfolgende Artikel über das Training im Jahr 2011 erschien bereits vor einiger Zeit im SEEKAJAK.

Borthwen, Holy Island (North Wales): Die Durchfahrt zwischen Felsen und Steilküste ist einige Meter breit. Der Schwell hebt unsere Boote an, will sie scheinbar gegen den Stein drücken. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dieser zerklüfteten und scharfkantigen Küstenlinie fast auf Armeslänge nahezukommen. Aber Nigel Dennis schlängelt sich durch das Labyrinth aus Wellentälern und Wasserbergen und demonstriert eindrucksvoll, wie man sich mit dem bow ruder und präzise gesetzten Vorwärtsschlägen bei „force five“ entlang des schroffen Steins bewegt. Seit einigen Minuten versuchen wir es ihm gleichzutun. Wenn es doch einmal enger wird, sorgen reverse sweep strokes für die notwendige Sicherheit. Gleich zu Beginn hat Nigel uns ermuntert, sie einzusetzen. Gerade diejenigen, die erzählten, dass diese Technik bei einem guten Paddler nichts zu suchen hätte, seien die ersten, die sie hier anwenden würden. Im Übrigen bestünde das Geheimnis, sich in diesen Bedingungen zu recht zu finden, darin, sich langsam zu bewegen und das Wasser zu lesen. Wozu das gut ist, sehen wir in der nächsten Sekunde: Statt eines harmlosen Schwells schießt plötzlich eine brechende Welle über die Felsen. Da hilft nur Stützen und Aufpassen, dass das Boot nicht an die Felswand gedrückt wird. Das Manöver klappt. Der Wellendruck ist zum Glück nicht so stark wie erwartet. Willkommen auf Anglesey.

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Anglesey erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Das jährliche Seekajak-Symposion, von Nigel Dennis organisiert, versammelt internationale Kompetenz und bietet Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten ebenso an wie advanced trips und „Genusstouren“. Andreas Lichtschlag berichtete hierüber im SEEKAJAK 118 und 126. Als durchschnittliche deutsche Küstenkanuwanderer erschien uns das Symposion als Einstieg in das Thema „Anglesey“ eine Stufe zu hoch. Nigel Dennis und sein Team bieten aber auch individuelle Kurse an. Und so beginnt – in Anlehnung an Andreas –  „Our First Anglesey“ mit einem fünftägigem Kurs unter Leitung von Eila Wilkinson. Eila ist 2010 in 37 Tagen um Irland gepaddelt. Sie hält den Rekord in der Umrundung von Anglesey. Die Zeit kann man sich gut merken. 12 Stunden und 25 Minuten. Die Dauer einer Tide für rund 140 Kilometer. Unglaublich.

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Tag 1

Es geht auf die Menai Strait, die Anglesey von der britischen Hauptinsel trennt. Wohl jeder Anglesey-Anfänger stellt hier seine Paddelkünste unter Beweis. Heute ist die Menai Strait  alternativlos, denn der Wind weht mit 5 bis 6 bft  aus West und nur hier können wir unter geschützten Bedingungen paddeln. Mit einem ausrangierten Lieferwagen der British Mail geht es von Holyhead aus quer über die Insel. Während der Fahrt über mit Hecken bestandene Feldwege planen wir mit Eila die kommenden Tage. Wir wollen den „BCU Three Star (Sea)“ erwerben und anschließend das Four Star Training absolvieren. Kaum auf dem Wasser lehrt Eila uns eine neue Sicht auf die klassischen Steuerschläge (Bogenschlag, Bugsteuer und Low Brace Turn). Der Fokus liegt darauf, wie damit eine effektive und schnelle Richtungsänderung des Bootes erreicht wird. Die neue Technik kommt schnell zur Anwendung, als es darum geht, kurz hinter der Britannia Bridge zum ersten Mal in einen – wohl recht harmlosen –  Overfall hineinzupaddeln.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEila schickt uns aus dem Kehrwasser immer wieder in die Strömung, die bald den Bug des Kajaks erfasst. Jetzt gilt es, das Boot von der Hauptströmung weg zu kanten, also das Gegenteil dessen zu tun, was wir es beim Stützen in die brechende Welle gelernt haben. Für jemanden wie mich, der keine Wildwassererfahrung hat und für den der Overfall auf den ersten Blick ein ähnlich schäumendes Ungetüm darstellt wie die Brandungswelle auf Norderney, braucht es einiger Versuche, bis ich in meinem Kopf die Technik des Aus- und Einschwingens in das Kehrwasser richtig verankert habe.

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Tag 2

Als wir am nächsten Tag das Büro von Nigel Dennis betreten, überrascht er uns mit den Worten, dass er heute das Training übernehmen wird. Eila murmelt noch so etwas wie „nice day“ und dann sitzen wir mit dem Mann, der England umrundet hat, der um Kap Hoorn gefahren ist und von dem Bilder an der Wand hängen, die unverkennbar auf der Osterinsel aufgenommen worden sind, vor vor der Seekarte. Was wir machen wollen, werden wir von Nigel gefragt, der uns auf den Westwind „force five“ und die mittlerweile entstandene Brandung hinweist. Wir könnten uns in geschützten Gebieten aufhalten oder etwas hinausfahren. Und überhaupt: „Are you rollers?“

OLYMPUS DIGITAL CAMERANun will man mit Nigel Dennis natürlich nicht in einer geschützten Badebucht im Kreis herumfahren und Bogenschläge vormachen. Andererseits neigen wir nicht zur Selbstüberschätzung. So einigen wir uns auf ein Tagesprogramm, dass eine schrittweise Steigerung der paddlerischen Anforderungen erwarten lässt und bald geht es bei Borthwen (Rhoscolyn Bay) im Süden von Holy Island in Armeslänge an schrappigen Felsformationen vorbei. Noch fragen wir uns, was Nigel mit diesem Felsenslalom bezweckt. Aber die Sache fängt an Spaß zu machen und die Paddelschläge werden sicherer. Nach der Mittagspause stehen die Themen „Rollen im bewegten Wasser“ und „Dynamisches Paddeln“ auf der Agenda. Step by step geht rollender Weise in immer höhere Wellen und irgendwann sind Four Star Bedingungen erreicht. Tags zuvor hatte Eila uns einen wichtigen Hinweis gegeben: Hochrollen ist das eine. Aber um nicht sofort wieder zu kentern, gilt es danach, sofort weiter zu paddeln. So schließt sich an jede erfolgreiche Rolle sofort der Grundschlag oder eine flache Stütze an. Das dynamische Paddeln ist ohnehin ein Thema, dass Nigel und Eila immer wieder betonen. Während wir eine relativ statische Haltung beim Grundschlag einnehmen, gerade sitzen und den Oberkörper allenfalls ein wenig nach vorne beugen, setzt Eila den Oberkörper viel stärker ein. Sobald der Bug des Bootes sich auf der Welle nach unten senkt, beugt sie den Oberkörper nach vorne und gibt dem Kajak so einen zusätzlichen Drive. Steigt das Boot an der Welle auf, lehnt sie sich leicht zurück. Zum Abschluss des Tages gibt es noch einen Rentry-and-roll. Mit 70 Liter Wasser im Cockpit geht es aus den nicht brechenden Wellen ins flache Wasser. Eine sehr gute Balanceübung, die man nicht oft genug wiederholen könne, betont Nigel.

Tag 3

OLYMPUS DIGITAL CAMERAThree Star Day. Towing Day. Trearddur Bay. Mit Eila geht es vorbei an Felsen, unter Felsbögen hindurch und in Felshöhlen hinein. Heute wird unter „Top Three Star“-Bedingungen geprüft. Die Anforderungen an die Paddeltechnik zwischen dem „BCU-Three Star“ und dem „BCU-Four Star“ sind nach der Papierform relativ ähnlich. Man muss die wichtigsten Schläge (einschließlich der Rolle) sicher beherrschen. Der Unterschied liegt in den Wind- und Wellenbedingungen, die natürlich beim Four Star anspruchsvoller sein müssen. Als Four Star Leader ist man zugleich berechtigt, eine Gruppe von bis zu vier „Three Star“-Inhabern unter streng definierten Bedingungen zu führen. Die Einzelheiten kann man auf der Seite der BCU nachlesen. Ein „Four Star Assessment“, also die Prüfung, darf man erst ablegen, wenn man das Four Star Training absolviert hat. Und das setzt wiederum eine bestandene Drei Sterne Prüfung voraus.  And here we are. Ein wenig Navigation im rock garden. Wir gleichen die topOLYMPUS DIGITAL CAMERAografische Karte mit der Felsküste ab. Am Anfangs sieht hier alles gleich aus, aber mit der Zeit wird unser Blick auf die Durchfahrtsmöglichkeiten schärfer. Prüfungsschwerpunkt sind dann verschiedene Schlepptechniken. Es beginnt mit dem contact towing. Mit einem rund 80 Zentimeter kurzen contact tow gilt es, den anderen vom Felsen weg in sicheres Gefilde zu ziehen. Das können schon mal an die 200 Meter sein, die mit einem dann acht Meter langen „Boot“,  das auch noch um eine Boje herumgesteuert werden muss, zurückgelegt werden müssen. Als Silke mich, das kaum noch handlungsfähige Opfer vor der nordwalisischen Küsten „rettet“, höre ich allerdings nicht die geforderten beruhigenden Worte. Deutlich vernimmt man ein Fluchen, in dem immer wieder die Worte Urlaub und Prüfungsunsinn fallen. Es dauert nicht lange, als Eila die Arme in die Luft streckt und laut „um Hilfe“ ruft. Ihr Boot kratzt mit der Spitze am Felsen, der Schwell hebt es hoch und runter und ihr Paddel scheint in Verlust geraten zu sein. Es gelingt mir, Eila von den Steinen wegzuziehen. Aber auch ich darf dann erst einmal im Rückwärtsgang um die Wendemarke paddeln. Manöverkritik: Noch besser wäre es gewesen, wenn ich beim Heranfahren an den Felsen durch einen weiteren Paddler mit (langer) Schleppleine gesichert worden wäre. Und das „contact tow“ sollte man nicht erst am Felsen aus der Sicherung lösen, sondern es wie ein Hund den Knochen schon bei der Anfahrt zwischen Zähnen halten, um in der eigentlichen Gefahrenzone nicht unnötig Zeit zu verlieren. Es folgt das „raft towing“. Hierbei wird die SchleppleiOLYMPUS DIGITAL CAMERAne am Boot des zu Schleppenden festgemacht, aber zugleich unter der Rundumleine des Boots des den Schleppenden unterstützenden Paddlers hindurchgeführt. Eines ist danach klar: Im Seekajaksport hat der Genetiv noch die Bedeutung, die ihm zukommt. Weiter geht es mit Steuer- und Bogenschlägen in den Felsenslalom. Dabei lässt Eila keine Höhle aus. Eine davon misst an der breitesten Stelle 5,60 Meter. Hier dreht Eila auf der Stelle um. Ich versuche, es ihr gleichzutun. Es scheint zu gelingen, aber dann hängt mein Boot mit Bug- und Heckspitze zwischen den Felsen. Unter mir läuft das Wasser weg. Den Bruchteil einer Sekunde hänge ich in der Luft. Dann stürze ich ab. Es folgt ein Paralleleinstieg unter Höhlenbedingungen. Man kann sagen was man will: Dieser Kurs ist sein Geld wert. Dann schleppen wir wieder. Unter anderem geht es darum, den Karabinerhaken so schnell wie möglich beim zu Schleppenden einzuklinken, also bei den jetzt wieder höher werdenden Wellen das Boot des Mitpaddlers möglichst geschickt anzufahren. Schlepptechnisch kommen wir jetzt in den Bereich der Kür. Wir schleppen, kentern, lösen unter die Wasser OLYMPUS DIGITAL CAMERAdie Schleppleine und rollen wieder auf. Es folgen noch einige Partnerrettungen. Dabei kommt es Eila darauf an, dass der zu Rettende im sicheren Blick des Retters ist, sich also beim Lenzen an die Spitze des Retterbootes klammert. Ohnehin hält sie vom T-Lenzen nicht allzu viel. Ihre Devise lautet, im Zweifel schnell wieder ins Boot und lieber pumpen. Apropos Pumpen: Meine ausgezeichnet funktionierende E-Pumpe führt immer wieder zur Belustigung von Nigel und Eila. Alles schön und gut, aber im Zweifel brauchst Du Deine Handpumpe, um Deinem Partner zu helfen. Wie dem auch sei. Nach gut fünf Stunden haben wir unser Three Star Assessment beendet.

Tag 4

Langsam wird das Wetter wieder besser und so steht am vierten Tag im Rahmen des nun beginnenden Four Star Trainings die erste richtige Tour an. Dabei will Eila uns in die tide races schicken. Tide races ist Wildwasser auf dem Meer. Sie entstehen, wenn ein schneller Tidenstrom entweder durch eine Landzunge oder eine Untiefe abgebremst wird. Die races bauen sich langsam mit zunehmenden Strömung auf. Zum Zeitpunkt der stärksten Strömung nehmen sie hexenkesselartige Gestalt an und sind darauf aus, Paddler und Boot in die Tiefe der Irischen See zu ziehen.  Es gibt unerschrockene Menschen, die es lieben, gerade unter diesen Bedingungen sich dem Meer auszusetzen. Zu ihnen gehören wir nicht. Wir starten bei Porth Darfarch und haben bei auflaufendem Wasser schnell Penrhyn Mawr erreicht. Hier gibt es drei verschiedene races „The Outer“ und  „The Inner“ und dann den „Chicken Race“. Schon der Name signalisiert, dass letzterer nicht zu den allergefährlichsten gehört und deshalb für uns der richtige Einstieg ist. Aber Wildwasser ist Wildwasser und so werde ich schnell Opfer eines Strudels, der mich zum Kentern bringt. Doch wir sind in den vergangenen Tages so oft gerollt, dass ich sofort wieder oben bin. Kenterung und Rolle geben mir die notwendige Sicherheit und so stelle ich mich immer mehr auf diesen schönen Tag ein. Vom Kehrwasser aus, fahren wir noch mehrfach in den „Chicken Race“. Dann geht es weiter und  Eila und Nigel, der uns heute mit einem weiteren Kursteilnehmer begleitet, machen das, was britische Paddler offensichtlich am liebsten tun:

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAFelsvorsprung um Felsvorsprung auf Armeslänge umfahren, in schmalen Durchfahrten das Bugsteuer ausprobieren und mit dem Schwell den Stein zu überfahren, der diese Durchfahrt eigentlich versperrt. Keine Höhle wird ausgelassen und möglicherweise passt das Boot doch noch durch diese Felsspalte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer nordwestliche Teil von Holy Island wird durch die „Stacks“, den South Stack mit einem schönen Leuchtturm und den North Stack markiert. Es handelt sich um kleine Felselinseln, die etwa zwei Seemeilen auseinander liegen. Zum South Stack führt von Holy Island aus eine Brücke über die vielleicht zehn Meter breite Schlucht. Hier fahren wir durch. Das ist einfacher, als South Stack durch den sich dort zu dieser Zeit bildenden race seeseitig zu umfahren. Mittagspause. Während wir am Felsenstrand der Parliament Cave an Land gehen, klettern über uns die Freeclimber. Die Wand dieser vielleicht sechzig Meter hohen Steilküste gilt als Eldorado für Bergsteiger. Nach der Pause trennen hat der race am North Stack etwas an Kraft eingebüßt und wird damit für uns paddelbar. Vom Kehrwasser geht es wieder und wieder in den race. Wir, surfen, kentern, rollen auf und fahren zurück ins Kehrwasser. Nach einer Stunde geht es zurück nach Porth Darfarch.

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Bislang war der Tag großartig, doch eine Pflichtübung für das Four Star Training steht heute noch aus das rock landing. Dabei geht es zwar nicht darum, sich im Boot sitzend vom Schwell auf einen möglichst scharfkantigen Felsen transportieren zu lassen. Hiervon hatten wir gehört. Als wir Eila davon berichten, erhalten wir nur ein „rubbish“ als Antwort. Für Ästheten des Unterschiffs ist das rock landing aber trotzdem eine haarige Angelegenheit, denn ohne Schrammen ist diese Übung nicht zu haben. In Kurzfassung: Man nehme mindestes zwei Paddler nebst Schleppleinen. Paddler Nr. 2 befestigt seine Schleppleine am Heck von Paddler Nr. 1. Paddler Nr. 1 steigt aus und fixiert seine Leine am Bug des eigenen Schiffes. OLYMPUS DIGITAL CAMERANunmehr geht es schwimmend auf den etwa 80 bis 100 Zentimeter über dem Meeresspiegel liegenden, möglichst mit Muschel und Seepocken übersäten und aus scharfkantigem Gestein bestehen Felsvorsprung zu. Dabei garantiert ein Schwell von mindestens 50 Zentimetern für das Gelingen der Übung. Paddler Nr. 2 achtet derweil darauf, dass das leere Boot Paddler Nr. 1 nicht die Wirbelsäle zertrümmert. Paddler Nr. 1 erreicht das Ufer und kraxelt den Felsen hoch. Handschuhe verhindern blutige Hände. Auch sollte der Trockenanzug recht widerstandsfähig sein. Hilfreich ist es auch, das Schwimmen mit der hinter sich treibenden Schleppleine zuvor einige Male zu üben. Hat Paddler Nr. 1 sich auf dem Felsen aufgerichtet, zieht er mit Hilfe der Schleppleine sein Boot ans Ufer und sodann auf den Felsen. Paddler Nr. 2 hat zwischenzeitlich seine Schleppleine am Körper gelöst. Sobald Boot und Leinen an Land sind, verknotet Paddler Nr. 1 die beiden Leinen auf eine Länge von knapp 20 Metern. Die verknotete Leine wird Paddler Nr. 2 zugeworfen, der sie an seinem Boot befestigt, aussteigt und sich nun seinerseits schwimmend zum Felsen bewegt. Ist dies gelungen und Paddler Nr. 2 mit einigen Schürfwunden sicher Land, wird sein Boot ans Ufer und dann auf den Felsen gezogen. Das dabei entstehende quietschende Geräusch kennt man bereits vom Hochziehen des ersten Bootes. Es bedeutet keinerlei Gefahr, sondern zeigt nur an, dass die erste Hälfte der Übung bald erfolgreich beendet ist. Sind Paddler, Boote und Leinen auf dem Felsen angekommen, kann man sich dem Zweck der Übung widmen: Der Bootsreparatur.  Denn  – nicht durch die Übung, sondern irgendwann vorher –  hat eines der Boote Leck geschlagen, weshalb das rock landing erforderlich geworden ist. Nach der vermeintlichen Reparatur geht es zurück aufs Meer. Paddler Nr. 1 bindet seine Schleppleine um, befestigt sie in Höhe des Kartendecks, schubst das Boot ins Wasser, schwimmt hinterher, steigt unter Wasser ein und rollt hoch. Hilfreich ist dabei, dass die Schleppleine sich nicht um Hals oder Beine wickelt. Spritzdecke schließen. Nunmehr schubst Paddler Nr. 2 sein Boot ins Wasser. Paddler Nr. 1 fährt heran und es folgt ein mustergültiger Paralleleinstieg. Wem der anschließende Ausstieg, das T-Lenzen und der Wiedereinstieg bei Paddler Nr. 1 zu anstrengend ist, kann die eingebaute E-Pumpe benutzen. Das ist zwar nicht real british, verfälscht den Geschmack der Übung aber nur unwesentlich.

Tag 5

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer letzte Tag. Der Wind weht mit nur 2 bis 3 bft aus Südwest und so haben wir beste Bedingungen, zu den Skerries zu fahren. Die Skerries sind eine Ansammlung größerer und kleinerer Felseninseln, die der Nordwestspitze von Anglesey vorgelagert sind. An der kürzesten Stelle beträgt die Entfernung keine zwei Seemeilen. Aber die Skerries liegen direkt im Gezeitenstrom und wer glaubt, sie auf kürzestem Weg ansteuern zu können, wird sie verfehlen. Nach dem gestrigen rock landing haben wir deshalb auf den obligatorischen Besuch des „Paddlers Return“ verzichtet und stattdessen im Zelt mit Tidenkalender und Seekarte von verschiedenen Startpunkten aus Kurse zu den Skerries ausgerechnet. Unsere Ergebnisse müssen wir am Start Nigel präsentieren. Danach ist klar, dass wir in der Church Bay lospaddeln werden. Die Skerries liegen von dort aus auf 330°. Wir fahren einen Kurs von 280°. Orientierungspunkt ist das riesige Westkardinal „Langdon Ridge“, das selbst an diesem regnerischen Tag auf eine Entfernung von drei Seemeilen zu sehen ist. Wir fahren Seilfähre und so trägt uns die Strömung wie berechnet zu den Skerries. Keine vierhundert Meter vor den Inseln setzt Eila sich wieder an die Spitze. Dann geht es durch den tide race. Die Wellen kommen aus allen Richtung, mushrooms tauchen auf, Strudel wollen einen wieder in die Tiefe ziehen, aber die Praxis der letzten Tage hilft und deshalb: paddeln, paddeln, paddeln. Bald sind wir durch und landen in einer geschützten Bucht. Leider können wir hier nicht an Land gehen. Also eine Bucht weiter. Eila mahnt, ganz dicht am Felsen zu fahren. Natürlich, was sonst. Mit „ganz dicht“ meinte sie aber offensichtlich „10 Zentimeter“, denn mein OLYMPUS DIGITAL CAMERAAbstand von 30 Zentimetern führt dazu, dass ich sofort einer Gegenströmung von 4 kn ausgesetzt bin. Wenn man selbst nur 4 kn schnell ist, ist der Geländegewinn denkbar gering. Mit anderen Worten: Ich stehe auf der Stelle und paddele mir gefühlte fünf Minuten die Seele aus dem Leib. Was soll ich tun? In zwei Stunden ist Hochwasser. Dann ist die Strömung vorbei. Keine verlockende Alternative. Oder aufhören. Dann werde ich an den Skerries vorbeigeschoben. Glaube ich jedenfalls. Also auf der Stelle weiterpaddeln. Im Augenwinkel nehme ich einen Seehund war. Er scheint mit dem Kopf zu schütteln, ob des Theaters, das ich hier gerade veranstalte. Irgendwann begreife ich, dass ich an den Felsen muss, lasse mich etwas zurückfallen und schaffe es, das Boot an eine Stelle zu manövrieren, wo die Strömung nur halb so stark ist. Jetzt bloß nicht wieder vom Felsen abkommen. Mit zwei oder drei Bogenschlagen krieg ich tatsächlich die Kurve. Die Skerries sind ein Naturschauspiel. Tausende von Seeschwalben nisten hier. Die Jungvögel sind bald flügge. Die OLYMPUS DIGITAL CAMERAAlttiere füttern sie mit kleinen, silbrig glänzenden Fischen. Das Betreten ist zwar nicht gänzlich verboten, aber der größte Teil ist für uns tabu. Im Sommer arbeitet auf der sonst unbewohnten Insel eine Vogelwartin. Sie kommt uns entgegen, ist freundlich und erzählt uns von den Arctic Terns, wie die Seeschwalben hier heißen. Kurz vor Hochwasser geht es zurück. Jetzt können wir direkten Kurs auf die Küste von Anglesey nehmen. Eine Stunde später landen wir wieder in Church Bay an. Our first Anglesey ist beendet. Und wir wollen wieder kommen.

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