Spiekeroog: Zu Viert bei Fünf bis Sechs

Himmelfahrt im Hafen von Neuharlingersiel. Es ist regnerisch und graue Wolken machen es der Sonne schwer.  Die Boote sind gepackt und liegen startbereit am alten Rettungsschuppen. Gleich ist Hochwasser, dann wollen Jens, Paula, Linn und ich uns auf nach Spiekeroog machen. Im Trockenanzug werden noch 130509-123654-1schnell ein paar Fischbrötchen gekauft. Die Begrüßung am Flunderstand fällt friesisch fröhlich aus: „Kiek an, de Verrückten sünd weer door. Aber mogt nix, mien Vadder het Beretschaft.“ Mit diesen zwiespältigen Informationen eines Mitglieds der weitverzweigten Neuharlingersieler Rettungsmännergilde geht es aufs Wasser. Den Plan, die Ostspitze von Spiekeroog anzusteuern, um dann seeseitig zum Zeltplatz zu fahren, geben wir schnell auf. Der Wind kommt zwar mit einer knappen Sechs aus Südwest, 130509-150340was unser Unterfangen eigentlich unterstützt. Auch die Wellen im Watt sind nur gut fünfzig Zentimeter hoch, aber unsere Kleingruppengeschwindigkeit ist zu gering, als dass wir den langen Weg in angemessener Zeit schaffen würden. So geht es mit 330 Grad direkt nach Spiekeroog. Es ist Springzeit und der Südwestwind tut ein Übriges: Wir haben viel Wasser und können direkt den Weg über den Janssand nehmen.

Nach einer guten Stunde sind wir da. Im vergangenen Jahr ist viel in den Hochwasserschutz investiert worden. Die Düne zum Zeltplatz ist neu gesichert, auf halber Höhe eine Terasse eingezogen worden, offensichtlich um das Abrutschen des Dünenhanges zu verhindern. Die Zelte sind schnell aufgebaut und die Sonne hat sich hat sich vorgearbeitet. Noch gut zwei Stunden bis Niedrigwasser. Der130509-154809 Wind ist eingeschlafen. Wir fahren noch einmal heraus, hinüber zur Ostspitze nach Langeoog. Hier hat sich das Westerriff – so jedenfalls zeigt es die Seekarte –  in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem  halbmondförmigen Sand aufgebaut, der gut zwei Seemeilen ins Meer hinausreicht. Wir wollen wissen, ob man man ihn jetzt noch passieren kann. Nördlich der Fahrwassertonne paddeln wir etwa auf der Höhe der Grenze zur Zone 1, haben genug Wasser unter dem Kiel. Auf unserm Rückweg gibt das ablaufende Wasser die Ostkante des Westerriffs frei. Wir fahren hin, steigen aus und stehen irgendwo zwischen Spiekeroog und Langeoog mitten im Meer. Es ist eine unwirkliche Atmosphäre. Während ich auf der Stelle stehe, sinke ich ein wenig ein, bekomme ein mulmiges Gefühl und erinnere mich, dass es Treibsand im Watt gibt (http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/werkstoffe/sand/sand_treibsand.jsp). Ich hoffe, dass diese Stelle nicht dazu gehört.

130511-175238

Hektischer Aufbruch – schlechter Start

Am nächsten Morgen sind wir am Strand. Der Wind bläst kräftig aus Südwest. Eine ganze Reihe von Paddlerinnen und Paddlern will schnell aufs Wasser. Doch die noch nicht ganz so Geübten haben damit Schwierigkeiten. Die Brandung ist harmlos, aber sie verläuft quer zur Strandlinie. Wer sein Boot nicht sauber ausrichtet, wird sofort quer zur Welle getrieben. Viele lassen sich hineinschieben oder -ziehen. Eigentlich, und das wird die wichtigste Erkenntnis dieses Tages werden, hätte ich unsere Kleingruppe aus diesem Tohuwabohu von rund zwanzig Paddlern herausnehmen müssen. Statt irgendwie schnell aufs Wasser zu kommen, hätten wir üben müssen, wie man als Gruppe bei diesen Bedingungen geordnet startet. Wir verbringen oft Stunde um Stunde mit Technikübungen, schluren aber bei den Grundlagen. Meine Ansage, uns in etwa zweihundert Meter Entfernung vom Strand treffen und dann gemeinsam lospaddeln, ist bei Lichte betrachtet unbrauchbar. Wo sind denn diese zweihundert Meter? Und wer fährt denn als erster dahin? Und was ist, wenn das gar nicht geht? Alle diese Fragen habe ich mir nicht gestellt. Auch wurde nicht klar vereinbart, dass Jens als Erster unserer Gruppe aufs Wasser geht und die beiden Mädchen ihm dann folgen. Jedenfalls sind Paula und Linn mit freundlicher Rausschiebhilfe bald draußen, Jens kämpft mit der Querströmung und als wir endlich alle auf dem Wasser sind, hat der Wind Paula schon ein gutes Stück von uns weg hin zur Buhne geschoben. Mit der Schleppleine hole ich sie zurück. Schön ist das nicht. Was ist die Lehre?

130510-095720-1 130510-100211

Das Wichtigste vorweg: Ein guter Start ist das A und O für eine gelungene Tour. Das heißt auch, dass jeder grundsätzlich ohne fremde Hilfe startet. Natürlich gibt es Situationen, in denen es ohne eine Starthilfe nicht geht. Dann aber bleibt man als Gruppe besser an Land, es sei denn, der Aufenthaltsort muss verlassen werden. Was beim Start in der Brandung alles eine Rolle spielt, wird im aktuellen SEEKAJAK 135 von Udo Beyer und Berndt Hillejan diskutiert. Während über die Reihenfolge bei der Anlandung im großen und ganzen Klarheit herrscht, wird dem Start wenig Beachtung geschenkt. Richtig ist: Ein erfahrener und starker Paddler sollte zuerst starten. Er markiert den Sammelpunkt aufgrund eigener Einschätzung der Situation, gibt den schwächeren Paddlern Orientierung und Sicherheit und kann das ganze Manöver im Zweifel abblasen, wenn sich die Bedingungen für die Gruppe als zu schwierig erweisen. Diese Vorgehensweise ist einer unklaren „Zweihundert-Meter-Angabe“ oder Ähnlichem deutlich überlegen. Der erste Paddler übernimmt damit dann Verantwortung für die Gruppe. Seine Rolle besteht nicht darin, mit dem Tunnelblick zum Horizont Wattboden gut zu machen. Der Blick ist rückwärts gewandt, zum Strand, zum Rest der Gruppe.

130511-175648

Brandungsübungen130510-100351

Wir bleiben an Spiekeroogs Westseite. Die Bedingungen sind ideal für Brandungsübungen. Weil der Wind aus West bis Südwest kommt, ist der Wellendruck trotz der 5 Bft  für nicht ganz so starke Paddlerinnen und Paddler anspruchsvoll, aber noch gut zu beherrschen. Die gleiche Windstärke aus Nordwest hätte uns sicher Veranlassung zu einem Spaziergang über die Insel und der Beobachtung von Flora und Fauna gegeben. So aber gibt es viel Zeit und Gelegenheit das Bootsgefühl zu trainieren und mit der flachen Stütze der Naturgewalt zu trotzen.

130510-101218 130510-101449

130510-101107

Manöverkritik130510-164834

Nachmittags sitzen wir vor dem Kiosk von Lars. Unsere Starts müssen besser, vor allem weniger hektisch werden. Gelassen blickt eine kleiner Mann über die Weite der Insel. Da müssen wir hin.

Starten und Landen

Am nächsten Tag sind wir wieder am Strand. Wir haben uns vorgenommen, ruhig und achtsam zu starten und wollen Spiekeroog umrunden – vielleicht. Der Start gelingt viel besser als gestern. Paula und Linn sitzen sicher im Boot. 70 bis 80 Zentimeter hohe Wellen schrecken hier niemanden mehr. Aber wir merken, dass es der Gruppe an diesem Himmelfahrtswochenende für eine Umrundung noch an Kräften fehlt. So beschließen wir an der Robbenplate zu landen. Die gestrigen Brandungsübungen waren eine gute Vorbereitung. Aber die Wellen sind höher als tags zuvor und die Bedingungen recht anspruchsvoll. Bei meiner ersten Nordseefahrt hatte ich in vergleichbaren Situationen weiche Kniee und kann gut nachvollziehen, dass Paula über die geplante Anlandung nicht begeistert ist. Wir arbeiten die Landung lehrbuchmäßig ab: Als erster an Land kann ich Teilnehmer für Teilnehmer einweisen. Linn und Paula meistern Welle für Welle bestens. Jens landet wie abgesprochen zuletzt. Gut gelaufen.

Durch den Priel130511-112501

Das Wasser steht hoch und so ist der Weg von der Landestelle bis zum Beginn des Priels, der sich zwischen Spiekeroog und der Robbenplate auftut, nicht weit. Wir rollern die Boote einige hundert Meter über den Strand und setzen ein. Das auflaufende Wasser führt zu einer starken Gegenströmung. Eine Stunde später gehen wir vor dem Zeltplatz bei Hochwasser an Land.

Zurück nach Neuharlingersiel

Am nächsten Tag geht es zurück nach Neuharlingersiel. Linn übernimmt die Führung. Nach 90 Minuten kommen wir am alten  Rettungsschuppen an. Die Rettungsmänner mussten wegen uns nicht rausfahren. Wer sich für ihre Geschichte interessiert, dem sei das Buch von ANDREAS BORGERT „RETTER VOM SIEL“ empfohlen. Die Bilder in diesem Post stammen übrigens alle von Jens.

130511-175042

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s