Sommer 2011 Dänisches Wattenmeer


In den letzten Jahren haben wir viele Seemeilen  in der dänischen Südsee und rund Falster, Lolland und Møn zurückgelegt, ehrliche Ostseemeilen ohne Strömung und nicht selten mit viel mit Gegenwind. Aber Dänemark hat auch eine Nordseeküste und ein Wattenmeer, und so haben wir die Einladung von Udo Beier angenommen, als Gäste an seiner diesjährigen EPP 4 – Ausbildungsfahrt teilzunehmen. Da in den nächsten Tagen voraussichtlich südliche Winde herrschen, soll es von Højer nach Vårde gehen. Als Start bietet sich die Vidå-Schleuse am Rand von Højer an, wo man unproblematisch einsetzen kann. Aber Schilder untersagen dort unmissverständlich das Zelten. Und so schleppen wir die voll beladenen Boote morgens um 7.00 Uhr kurz vor Hochwasser über die Salzwiesen vor dem etwa drei Kilometer nördlich von Højer gelegenen Campingplatz von Emmerlev. Hier in Emmerlev endet der 1981 fertig gestellte „Deutsch-Dänische Deich“, der sich vom Hindenburgdamm über eine Strecke von gut zwölf Kilometern bis hierhin erstreckt. Vor dem Deich hat sich mittlerweile ein breiter Streifen Schlickwatt gebildet, das so hoch liegt, dass man selbst kurz vor Hochwasser kaum mehr als eine Handbreit Wasser unter dem Kiel hat. Als Zielort sollte man Emmerlev möglichst meiden und statt dessen auf die Vidå-Schleuse und den sich anschließenden Højer Kanal ausweichen.

Endlich auf dem Wasser geht es mit rund 280° Richtung Højer Dyb zu. Wir sind zu sechst. Angelika, die einzige „EPP 4-Kandidatin“, navigiert uns durch das Revier. Im Westen zeichnet sich Sylt gut ab und auf dem Jordsand sehen wir die zwei Grenzbaken, von denen aus eine gedachte Linie Deutschland von Dänemark trennt.

Bald erkennen wir die Fahrwassertonnen des Højer Dyb, fahren aber nicht entlang des Tonnenstrichs (R 14, R 12, R 10 etc.) sondern kürzen über die Südostspitze des Jordsands ab, den Knækket, was einerseits erlaubt und andererseits rund eine Stunde nach Hochwasser noch möglich ist. Die Strömung zieht uns mit und wir erreichen stellenweise eine Geschwindigkeit von 11 km/h. Die Sonne scheint, der Wind schiebt uns über das Wasser: Die Nordsee zeigt sich von ihrer besten Seite. Wir wollen im Südwesten von Rømø Pause machen. Anhand der Tonne Nr. 6 des Rømø-Fahrwassers können wir erkennen, wie stark die Strömung ist, die uns auf die See hinaus zieht. So halten wir gut 30° vor und erreichen den Havsand außerhalb des Naturschutgebiets. Bernd findet einen Ball, Strandgut, mit dem Umriss von Sylt bedruckt und verstaut ihn auf dem Achterschiff. An der engsten Stelle trennen Sylt nur gut fünf Kilometer von Rømø. Es gibt eine Fährverbindung zwischen beiden Nordseeinseln, die von vielen Sylttouristen genutzt wird, die keine Lust haben, den Autozug über den Hindenburgdamm zu nehmen. Aber während Sylt von Jahr zu Jahr mehr und mehr im Meer zu versinken scheint und dem nur ein aufwändiger Inselschutz Einhalt gebietet, kann sich Rømø vor Sand nicht retten. Und so steht Bernds Ball auch für den deutsch-dänischen Sandtransport.

Es geht weiter nach Norden. Je höher wir kommen, desto mehr Menschen sind am Strand, die dort ihre Autos parken. Natürlich: Wir sind in Dänemark. Als es wieder leerer wird, gehen wir an Land, beobachten den Brandungsgürtel, der von einem kleinen Vierer aus Südwest aufgebaut wird und entschließen uns, das optimale Wetter auszunutzen. Wir werden nicht auf Rømø übernachten sondern den im Nordwesten der Insel gelegenen Schießübungsplatz passieren und dann weiter Richtung Mandø paddeln. Zunächst geht es weiter entlang des Brandungsgürtels. Wind und Wellen nehmen langsam ab, das ablaufende Wasser tut ein übriges und als wir in das Østerdyb einfahren haben wir Südseebedingungen. Nachdem wir die Südspitze des Köre Sands und das dortige Sperrgebiet passiert haben, steigen wir an der Wattkante noch einmal aus und beobachten das auflaufende Wasser.

Weit ist es nicht mehr bis nach Mandø. Aber das kleine Eiland, das keine Sanddüne, sondern eine Marschinsel ist, liegt hoch auf dem Watt und ist nur bei Hochwasser zu erreichen. Wir werden also viel Zeit haben. Wir stellen das Paddeln ein und lassen uns allein von der Strömung mit bis zu 4 km/h das Østerdyb hinaufschieben. Wir sind hier in keinem Schutzgebiet und auch unser Abstand zu den Seehundsbänken ist so groß, wie es die Breites des Priels zulässt. Aber dennoch schwimmen immer wieder Seehunde auf uns zu und um uns herum. Wir verhalten uns ruhig, lassen uns treiben. Bald haben wir die Höhe des südlichen Teils von Mandø erreicht, aber zwei bis drei Stunden nach Niedrigwasser keine Chance, weiter zu paddeln. Wir müssen warten bis die Flut steigt oder die Boote mit dem Wagen über den Hommands Jord ziehen. Dazu habe ich überhaupt keine Lust. Aber wenn es um Bootswagen geht, neigt der Seekajakfahrer zum Rudelverhalten: Sobald der Erste anfängt, den Wagen aus dem Boot zu kramen, dauert es nur Sekunden und alle anderen tun es ihm gleich. Natürlich würde ich weniger fluchen, wenn auch ich einen dieser wunderbaren sich fast von alleine aufbauenden Wagen hätte und mich nicht mit meiner Fehlkonstruktion abeseln müsste. Nun gut, nachdem der Rest der Truppe schon gut zweihundert Meter zurückgelegt hat, mache auch ich mich auf den Weg. Nach etwa 400 Metern erreichen wir wieder paddeltiefes Wasser und nach einem weiteren halben Kilometer gehen wir nach 42 Kilometern in Mandø an Land.

Am nächsten Tag wollen wir Sønderho im Südosten von Fanø erreichen. Hochwasser ist um 8.30 Uhr. Eine Stunde später wollen wir in den Booten sitzen. Als wir aufstehen, ist der Himmel bewölkt, aber es sieht nicht nach Regen aus. Kurze Zeit später gießt es in Strömen und wir erkennen kaum die Hand vor den Augen.

Wir wollen Mandø über den nach Nordwesten führenden Priel, den Kaneslunden, verlassen, sehen die Pricken und schlagen einen 300° Kurs ein. Aber das Wasser wird nicht tiefer sondern flacher. Wir sind in einen toten Arm, den „Blindens Manns Fålle“, geraten. Udo bemerkt es als erster und bald haben wir den richtigen Ausgang von Mandø gefunden. Glück gehabt, eine halbe Stunde später und wir hätten festgesessen. Unterstützt von der Strömung fahren wir mit bis zu 11 km/h den Priel hoch. An seinem Ende erkennt man bereits Fanø und den vorgelagerten Peter Meyers Sand. In nördlicher Richtung erkennen wir die Tonnen des Knudedyb-Fahrwassers. Wir halten auf die Tonne Nr. 10 zu. Die Abdrift nimmt zu und bald halten wir 30 Grad vor. Dann geht es weiter zur Nr. 8. Wir pausieren auf dem Sand. Trotz des einsetzendem Sonnenscheins ist es windig und kalt. Also geht es weiter um den Peter Meyers Sand und den Langjord. Der Sand steht jetzt stellenweise bereits gut zwei Meter über der Wasseroberfläche. Wir treffen auf zwei Männer, die dort offensichtlich nach Muscheln gegraben haben. Mir fällt mir auf, dass wir bislang kaum andere Boote gesehen haben. Was Segelboote angeht, überrascht das nicht. Sie würden hier in Vadehavet sofort auf Grund laufen. Aber auch Motorboote sieht man kaum und andere Seekajakfahrer sind uns nicht begegnet. Es ist das Schicksal des dänischen Wattenmeeres, dass es verlandet. Die großen Sände, wie der Kore Sand, der Peter Meyer Sand oder der Jordsand liegen so hoch, dass man sie gerade noch bei Hochwasser befahren kann. Aber auch die kleinen Priele führen wenig Wasser. Wir merken dies insbesondere am Wattfahrwasser zwischen dem Galgerevet und dem Langjord, welches die Zufahrt nach Sønderho bildet. Zunächst geht es noch gemächlich an den Seehundsbänken vorbei. Wir sind nicht sehr weit entfernt von den gut 200 Tieren, die auf Langjord in der Sonne dösen und sich von uns nicht stören lassen. Bald wird klar, warum das so ist. Diese Tiere sind an Menschen gewöhnt, nämlich an die zigtausend Feriengäste, die auf Fanø Urlaub machen. Der dänische Tourismusverband wirbt in seiner Broschüre offiziell damit, dass „am Kore Sand, südlich von der Insel Mandø oder auf dem Langjord bei Sønderho auf Fanø die Tiere zu Fuß betrachtet werden“ können. Zwischen den „Guck mal Mama, da sind ja Robbies“ und „Helga, nun gibt doch mal das Fernglas her“ fällt unser „pssssst!“, mit dem wir uns hochtreiben lassen, nicht weiter auf. Das letzte Drittel der Zufahrt nach Sønderho ist aber auch rund zwei Stunden nach Niedrigwasser nur ein bepricktes Rinnsal. Wir steigen aus und treideln die Boote den versandeten Wasserlauf hinauf. So erreichen wir Sønderho, den im 19. Jahrhundert nach Kopenhagen bedeutendsten Seehafen Dänemarks, zu Fuß. Wir ziehen die Boote über Schlickwatt auf die Salzwiese und tragen sie anschließend an Land, indem wir über einen wackeligen Steg aus Europaletten balancieren. Es dauert nicht lange, da erscheint bereits Robert, der „Unterhafenmeister“, ein weitgereister Englander, der neben Suaheli auch Deutsch spricht. Udo stellt sich mit Vor- und Nachnamen vor. „Das wird nicht reichen!“, meint unser Unterhafenmeister und macht eine Rechnung von gut einhundert Euro auf, die wir allein für das Anlanden zu zahlen hätten. Da wir Deutsche seien, würde er uns aber die Hälfte erlassen. Natürlich ist das Ganze ein Spaß und selbstverständlich dürfen wir gegen eine kleine Spende für das „Projekt Sønderho Havn“ hier übernachten. Robert führt uns durch das Hafenmuseum. Bis Anfang der 1980ger Jahre konnten selbst Segelboote über den gleichen Weg, den wir genommen haben, bis hierhin gelangen. Robert sieht Bernds Ball aus Sylt und meint nur verächtlich, dass sich die Sylter nicht nur den Ball, sondern auch ihren Sand hier wieder abholen könnten. Nun können die Sylter sicher auch nichts gegen die Macht der Gezeitenströme ausrichten, aber der Verdruss der Sønderhoer über den schleichenden Verlust ihres traditionsreichen Hafens ist gut zu verstehen. Abends kommt Mogens, der „Oberhafenmeister“ zu uns, und erzählt von den Plänen, Sønderho Havn als kleinen Naturhafen und weitere Attraktion für das Dorf, das gerade zur schönsten dänischen Landgemeinde gewählt wurde, wiederauferstehen zu lassen. So hat eine von der Reederei Mærsk finanzierte Machbarkeitsstudie gezeigt, dass das Ausbaggern von Hafenbecken und Priel keine grundlegenden Schwierigkeiten mit sich brächte. Allein es fehlt an Investoren. Aber Schritt für Schritt geht es voran. Schon jetzt zeigt das kleine Hafenmuseum, wie es früher war und wie es vielleicht wieder einmal aussehen könnte und auch das nächste Projekt, der Wiederaufbau einer traditionellen Seebake, dem „Æ Kåver“,  schreitet voran.

Am nächsten Morgen geschieht das, was wir bereits vermutet haben. Unsere Gastgeber hatten vorgeschlagen, Sønderho über ein Prielsystem nach Norden hin zu verlassen, so den Fuglsand zu überqueren, um dann schließlich wieder in einigermaßen schiffbares Wasser zu gelangen. Doch aus diesem Plan wird nichts. Zwar finden wir noch den ersten Abzweig, aber bald stecken wir im Priel fest. Es nützt nichts. Wir müssen umkehren. Wattseitig werden wir Fanø nicht passieren können. Also geht es den Prickenweg zurück. Nach zwei Kilometern müssen wir uns entscheiden. Entweder setzen wird die Fahrt entlang der Seeseite von Fanø fort oder wir nehmen den direkten Weg Richtung Osten nach Ribe. Der Himmel ist grau verhangen, es ist ungemütlich und irgendwie ist nach der Prielaktion auch die Luft raus. So fällt die Entscheidung für Ribe, was einen Wettlauf gegen das ablaufende Wasser bedeutet, um nicht auf dem Keldsand trocken zu fallen. Gegen Mittag erreichen wir Kammerslusen. Schleusen können wir nicht und so schleppen wird die Boote über den Seedeich. Auf einer Zeltwiese im Seglerhafen endet die Tour – vorläufig. Wir werden sie fortsetzen. Daran wird uns der Sylter Sand nicht hindern.